Schein und Sein

Um Apple ranken sich seit jeher seltsame, fast schon religiös anmutende Mythen. Geschicktes Marketing und exquisites Design haben der Firma nicht nur zahlreiche Product Placements in Film und Fernsehen eingebracht, sondern ihre Erzeugnisse fast schon zu Lifestyle Accessoires mutieren lassen. Statt pickeliger Nerds und bierbäuchiger System Administratoren sind Hochlglanzbarbies im Stile von “Sex And The City” die neuen Aushängeschilder der Firma aus Cupertino. Apple ist eben anders - oder etwa doch nicht? Was diese Firma anfasst, muss gut und innovativ sein, folgt man den Argumentationslinien ihrer ergebenen Jünger. Dass dem mitnichten so ist, möchte ich nun keineswegs an den Beispielen von “OS X” AKA “NeXT / OpenSTEP / BSD” oder der seltsamen Bilanz von Geben und Nehmen des Konzerns gegenüber der freien Entwicklergemeinschaft verdeutlichen - dieser Rant wäre ein anderer, längerer. Beschränken wir uns also auf aktuelle Vorkommnisse...
Apple habe den Verkauf von Musik über das Internet revolutioniert, war vielerorts zu lesen. Ein Segen für den Anwender, zähneknirschend akzeptiert von einer Musikindustrie, die in ihrer grenzenlosen Behäbigkeit immernoch nicht in der Lage war und ist, eigene Angebote attraktiv unter das Volk zu bringen. iTunes - es glänzte und funkelte an allen Ecken, eine gewohnt profesionelle Werbemaschinerie verpackte Altbekanntes und machte es zur nächsten großen Innovation, die zu verpassen sich kein trendbewußter Mensch im hier und jetzt erlauben durfte.
Doch gehen wir in uns: Verlustbehaftet komprimierte Musikstücke, per DRM Korsett zum Nachteil der eigenen Kundschaft verkrüppelt, in einem abgeschotteten System, das proprietäre Hardware vorraussetzt und legal nur auf wenigen Betriebssystemen zu nutzen ist, zum Preis von 99 Cent pro Song? Beim besten Willen, ich erkenne den Grund zum Jubeln nicht. Selbstverständlich wirkt die Homepage von iTunes schöner und profesionneller als die Präsenzen derer, die auch schon vor dem medienträchtigen Einstieg Apples in dieses Business Musik in digitalisierter Form über’s Internet zum Download anboten, und auch der iPod ist ein gewohnt gut durchdesigntes Stück Hardware, ein “geek gadget”. Hinter all diesem Glanz steckt aber auch bei Apple nur das gewohnte Treiben eines jeden Konzerns: Kundenbindung erzeugen, Profit generieren und Markteintrittsbarrerien für zu erwartende Konkurrenten schaffen.
Was ist Apple zugute zu halten? Keine Innovation, keine Revolution, aber sicherlich eine forcierte Diskussion über die Vermarktungsmöglichkeiten und -Mechanismen von Musik im World Wide Web. Apple hat allen Unkenrufen zum Trotz zumindest bewiesen, dass der Verkauf von Musik auch im großen Stil in den virtuellen Weiten des Netzes möglich und machbar ist. Die Konzepte dahinter sind so alt wie bekannt, die Preise für das dem Kunden gebotene gewohnt überhöht, auch wenn nicht vergessen werden darf, das Apple selbst kaum der alleinige Faktor zur Preisbildung des Angebots ist.
Mit Real Networks und dessen Harmony Technologie tritt nun ein Konkurrent auf den Plan, der es geschickt versteht, die offensichtlichen Widersprüche in Apples erschaffenem Markenimage zu entblößen. Dank Reverse Engineering ermöglicht Real Networks nun den Transfer von per iTunes erworbenen Songs auch auf andere Abspielgeräte - der Kunde ist nicht mehr an den iPod gebunden. Eine Wahlfreiheit, die eigentlich selbstverständlich sein sollte. Mit der zeitlich befristeten Werbekampagne “49¢ Songs - Half the Price of Apple” und der “Freedom of Music Choice” Initiative macht Real Networks keinen Hehl aus den eigenen Ambitionen. Auch hier stehen natürlich keine edlen Motive, sondern viel mehr betriebswirtschaftliche Überlegungen im Vordergrund - dennoch: Konkurrenz ist gut und für ein funktionierendes Marktsystem zum Wohle des Kunden unabdingbar.
Apple selbst bediente sich umgehend des wenig ruhmreichen DMCAs, um damit Real Networks den Einsatz der Harmony Technologie verbieten zu lassen:
Eine “Hacker Kultur” wirft man dem neuen Konkurrenten also vor - dabei ist Reverse Engineering ein gutes und notwendiges Unterfangen, um Schnittstellen frei, offen und portabel zu halten. Proprietäre Monopole stehen einer selbstbestimmten Informationsgesellschaft immer konträr entgegen. Der vorgebrachte Einwurf überraschte. “Think Different”? Mitnichten. Auch Apple muss im Sinne der eigenen Aktionäre handeln und so das wahre Gesicht eines vom Shareholder Value getriebenen Unternehmens offenbaren. Die dabei angewandten Mittel und Strategien bleiben konzernübergreifend mehr oder minder gleich. Desillusionierend? So naiv kann niemand gewesen sein, oder etwa doch?
Apple doesn’t think different.
Relevante Links:
49 Cent pro Song: Real greift Apple frontal an
iPod-Streit: Apple wirft RealNetworks “Hacker-Taktik” vor
RealNetworks will Musik für Apples iPod liefern
