Jean-Michel Basquiat - Eine Biographie

Born and raised in Boerum Hill, Brooklyn
Jean-Michel Basquiat wird am 22. Dezember 1960 in Boerum Hill, Brooklyn, geboren. Seine Kindheit durchlebt er in einer der mehr oder weniger klassischen Mittelstandsfamilien des damaligen Amerikas. Während sein Vater Gerard, ein zugewanderter Haitianer aus wohlhabender Familie, es zu einem recht erfolgreichen Buchhalter in New York bringt, ist die Bindung Jean-Michels zu seiner puertoricanischen Mutter Matilde, die als Designerin arbeitet, sehr viel enger.
Matilde Basquiat spricht mit ihrem Sohn unter anderem ein Spanisch karibischer Prägung, welches er auf diese Weise, neben Englisch und Französisch, in frühen Jahren erlernt und beherrscht. Sie nimmt Jean-Michel regelmässig mit in die diversen Museen New Yorks, um gemeinsam Bilder und Gemälde der grossen Künstler zu betrachten. Es verwundert nicht, dass Jean-Michel bereits im zarten Alter von sechs Jahren einen Ausweis mit sich führt, der ihn als “Junior Member” des Brooklyn Museums zu erkennen gibt.
1968 wird Jean-Michel im Alter von sieben Jahren beim Softball-Spielen in der East 35th Street in Brooklyn von einem Auto angefahren. Er bricht sich einen Arm und verliert seine Milz, die ihm als Folge des Unfalls entnommen werden muss. Dieser Eingriff führt später zu Spekulationen im Zusammenhang mit seinem Drogenkonsum und dem daraus resultierenden, angegriffenen Gesundheitszustand.
Frühe Weichenstellungen
Während des anschliessenden Krankenhausaufenthalts Jean-Michels bringt ihm seine Mutter ein Exemplar von “Gray’s Anatomy” mit, einem bekannten Standardwerk des Fachgebiets. Teile der späteren Malereien Basquiats zeigen, wie sehr ihn dieses Buch nachhaltig beeindruckt hat. So trägt auch Jean-Michels spätere Noiserock-Band den Namen “Gray”, eine Paralelle, die wohl auf eben jenes Buch verweist. Seine Mutter Matilde, die ihm auch das Zeichnen beibrachte, will mit diesem Kauf sicherlich auch auf die Interessen und Begabungen ihres Sohnes unterstützend einwirken, wohlwissend, dass Künstler wie Michelangelo genauso wie fast alle grossen Maler ausführliche Studien der Anatomie hinter sich gebracht hatten.
Trotz dieser Bemühungen um ihren Sohn beschreibt Jean-Michel seine Mutter den Freunden gegenüber als manisch-depressiv und erzählt von physischer Gewalt, die sie ihm und seinem Vater gegenüber ausübe.
Die Scheidung der Eltern
Noch im selben Jahr muss Jean-Michel die Scheidung seiner Eltern verkraften. Gemeinsam mit seinen jüngeren Geschwistern Lisane (geb. 1963) und Janine (geb. 1966) wohnt er ab diesem Zeitpunkt bei seinem Vater, der allgemein als streng und selbstsüchtig charakterisiert wird. Gerard Basquiat zeigt wenig Verständnis für den sensiblen Sohn und widmet seine Zeit lieber dem Tennis und weissen Frauen. Jean-Michel ist oft mit seinen Geschwistern alleine, verantwortlich für sie und den Haushalt.
Von seinen Schwestern wird später behauptet, Jean-Michel und sein Vater hätten lediglich ‘eine schlechte Beziehung’ gehabt, nur hin und wieder hätte Gerard seinen Kindern eine erzieherische Ohrfeige verpasst. Dem stehen Narben, Striemen und blaue Flecke entgegen, mit denen Jean-Michel immer wieder in der Schule ankommt. Den Konflikten mit seinem Vater, der nach aussen hin als stets freundlich und gut gekleidet bekannt ist, versucht Jean-Michel durch immer häufigeres Fernbleiben vom elterlichen Wohnhaus aus dem Weg zu gehen. Im Alter von 17 zieht er schliesslich aus.
Eine Schullaufbahn
Jean-Michel besucht unter anderem die St. Ann’s School, eine Privatschule, an der er sich offensichtlich nicht wohlfühlt. In der Folge landet er auf einigen anderen, öffentlichen Schulen und fällt dort durch sein zeichnerisches Talent auf. Hauptsächlich entstehen zu dieser Zeit Comics, oft auch mit den später so charakteristischen, ausgestrichenen und doch sinntragenden Wörtern. Jean-Michel ist aufmüpfig, unausgeglichen und auf der Suche nach Annerkennung und Geltung. Er fliegt von mehreren Schulen und bekommt von manchen Lehrkräften gar eine psychologische Therapie nahegelegt.
1974 zieht Gerard mit seinen Kindern aus beruflichen Gründen für anderthalb Jahre nach Mira Mar in Puerto Rico. Der junge Teenager Jean-Michel kann hier nicht nur sein angestaubtes Spanisch auffrischen, sondern macht auch erste, sexuelle Erfahrungen. 1987 sollte Jean-Michel auf diese Insel zurückkehren.
Erste Drogenerfahrungen
Wieder zurück in Brooklyn geht Basquiat auf die öffentliche High School und fällt dort in Zeichnen durch. Zu abstrakt und expressionistisch sind seine Werke in den Augen der Lehrkörper. In dieser Zeit entdeckt er auch das Haschischrauchen für sich; es bleibt nicht aus, dass sein Vater ihn dabei entdeckt. Aus Angst vor den Konsequenzen verschwindet Jean-Michel nach Washington. Er rasiert sich die Haare, hängt im Square Park rum und schlägt sich durch diverse Gangs, von denen ihn jedoch keine wirklich akzeptiert. Nach einiger Zeit wird er von der Polizei gefasst und wieder nach Brooklyn gebracht - nach eigener Aussage war dies die schlimmste Zeit seines Lebens.
In der 11. Klasse besucht Jean-Michel die “City-As-School”. Es ist die Zeit der ersten grossen Drogenprobleme, zu Pott gesellen sich LSD und erste Experimente mit Heroin. Jean-Michel ist orientierungslos, schwänzt oft die Schule. Er lässt kaum jemand an sich heran und lebt sein Geltungsbedürfnis in extremen Formen aus. Shannon Dawson und Al Diaz zählen jetzt zu seinem engsten Freundeskreis. Mit Al enwtickelt er in einer verrauchten Nacht ein irritierendes Konzept. Er beschreibt es in einem Interview mit der Schülerzeitung wie folgt: “Wir alle wollen es hier auf der Erde, es kommt von der Grosszügigkeit Gottes, es ist etwas, was wir vorher noch nicht kannten und trotzdem haben wollen.”
SAMO
Die Idee von SAMO ist geboren. Jean-Michel als Prophet und Führer, als armer Junge am Abgrund der Existenz, SAMO als Religion und Wahrheit. Eine Flucht aus der lähmenden Mittelklasse, derer er zugehörig ist. Es sind die Auswirkungen einer Zeit, die die Nachbeben der Jahre 1960 bis 1970 spüren lässt, in der Umbruch und Veränderung die einzigen Konstanten waren, in der Pop-Art und Neo-Expressionismus zur Blüte reiften und sich eine selbsternannte kulturelle Elite in den In-Clubs der Städte verkommerzialisierte und mithilfe verschiedenster Drogen auf psychedellische Reise ging. Sex Pistols, Randale und Revolution.
1978 beginnen Basquiat und Diaz ihren pseudoreligösen Kreuzzug und sprühen in Soho und Tribeca SAMO-Phrasen an die Häuserwände, welche schnell stadtbekannt werden und sie zu kleinen Berühmtheiten in der Szene machen. Die lokalen Blätter reissen sich um ein Interview mit den rätselhaften Urhebern, und so verkaufen die beiden ihre Geschichte für 100 Dollar an “The Village Voice”. “SAMO rettet die Idioten”, “SAMO als Alternative zu Gott”.



Nach seiner Zeit auf der City-As-School ist Jean-Michel überall und nirgends zu Hause. Auffällig oft treibt er sich an der “School of Visual Arts” herum, fliegt aber raus, weil er dort Graffities sprüht. Er lernt Keith Haring und Kenny Scharf kennen, und so verzieren sie zu dritt ganz Manhattan. Basquiats SAMO-Graffities sind in letzter Konsequenz der erste Schritt in die professionelle Kunstwelt. Er verschafft sich Bekanntheit, wird Gesprächsgegenstand und brennt sich in die Hirne derer, die täglich auf seine Graffities stossen. Er vermarktet sich selbst und drückt dem Manhattan dieser Tage seinen Stempel auf.
Als Al Diaz und Jean-Michel im Zwist auseinandergehen, bedeutet dies das Ende von SAMO. Auf den Mauern ist lapidar zu lesen: “SAMO is dead”.
Der Mudd Club
Die kulturelle Untergrundszene der 70er und 80er Jahre in Downtown New York trifft sich im Mudd Club, den Besitzer Steve Mass als Gegenstück zum Studio 54 ansieht. Das Publikum ist gut durchmischt, es setzt sich aus Punks, Rockern und Kulturschaffenden zusammen. Als besonderes Merkmal verfügt der Mudd Club über eine eigene Galerie, in der Ausstellungen verschiedenster Künstler stattfinden. Schnell bildet sich eine Gesellschaft, die illustre Persönlichkeiten wie David Bowie, Brian Eno, Iggy Pop und Andy Warhol zu ihren Mitgliedern zählt. Basquiat fühlt sich von diesem Platz angezogen, doch selbst in dieser extrovertierten Gesellschaft bleibt er ein Aussenseiter. Obwohl er einer der jüngsten im Club ist, umweht ihn bereits die Aura eines Stars. Gelegentlich tritt Basquiat hier mit seiner Noise-Rock Band “Gray” auf und verdient so etwas Geld. Er lernt auch Diego Cortez kennen, der sein erster Förderer wird und ihm die Chance gibt, sich ganz auf seine Kunst zu konzentrieren.
Marihuana und Gedichte
Im Sommer 1979 lebt Jean-Michel von Luft und Liebe und ein wenig von seiner Kunst. Er ist mit Jennifer Stein liiert und verkauft mit ihr vor den Museen der Stadt selbstbemalte T-Shirts und Postkarten. Es entstehen in dieser Phase seines Lebens auch Unmengen an Gedichten, Marihuana ist einer der inspirierenden Momente des Sommers.
Die ersten Ausstellungen
1980 werden Basquiats Arbeiten das erste Mal im Rahmen der “Times Square Show” einem breiten öffentlichem Publikum zugänglich gemacht. Die Kunstkritiker reagieren begeistert auf den jungen Newcomer, und nach mehreren Ausstellungen, die ihn zusammen mit anderen Malern zeigen, bekommt er seinen ersten, eigenen Auftritt in Modena, Italien. Seine erste Solo-Austellung in den USA findet im März 1982 in der Annina Nosei Galerie statt.
New York Beat und Madonna
Ein weiteres Ereignis im Jahre 1980 sind die Arbeiten zum Film ’Downtown 81’ (ursprünglicher Titel des Streifens sollte “New York Beat Movie” sein), der das Leben Basquiats behandelt. Neben Jean-Michel, der in logischer Konsequenz die Hauptrolle spielt, tritt Deborah Harry auf, bekannt als Sängerin der Gruppe Blondie. Jean-Michel hat in dieser Zeit auch eine Liason mit einer weiteren Newcomerin der Szene, deren Namen später in aller Welt bekannt sein sollte: Madonna. Die Beziehung hält jedoch nicht lange.
Innere Krisen
Jean-Michel fängt an, sich zu verändern. Sein blonder Mohawk verschwindet und weicht Dreads in allen möglichen Variationen. Er versucht, sich selbst als armes Strassenkind darzustellen, sieht sich von aller Welt verlassen. Er verleugnet seine Herkunft und versucht, seine Geschichte zu verdrängen. Seine Idenditätskrise zeugt von starken inneren Problemen, die sich auch in seinen Beziehungen manifestieren: Alle sind sie von kurzer Dauer und scheinen von geringem Tiefgang. Die einzigen engeren Bindungen in seinem Leben bestehen zu seiner Mutter, zu seiner Oma Flora, der er auch noch späte Werke widmet, und zu Andy Warhol.
Höhepunkt einer Karriere - “Documenta 7” (Kassel) und “Biennal Exhibition” (New York)
Nach seinem Durchbruch bei der “Times Square Show” 1980 reisst sich die Szene um ihren neuen Star. Im Juni 1982 ist der 21jährige Basquiat der jüngste von 176 Teilnehmern der Documenta 7 in Kassel. Ein Jahr später, 1983, nimmt Basquiat an der “Biennal Exhibition at the Whitney Museum of American Art” in New York teil. Er ist der jüngste Künstler, dem dies jemals gelingen sollte.
Die dunklen Seiten des Erfolgs
Der Erfolg und der anhaltene Drogenkonsum wachsen Jean-Michel über den Kopf. Er verliert mehr und mehr die Kontrolle, wird paranoid und wandelt sich zu einem glamourösen, eitlen Pfau, der Jeans und T-Shirts gegen Designer-Anzüge von Gucci tauscht. Er verliert Freunde, während Trittbrettfahrer Kunstwerke aus seinem Atelier stehlen und Kunsthändler unfertige Arbeiten aus seinem Studio verhökern. Die Presse schiesst sich auf das rassistische Motiv des schwarzen, jungen Wilden ein und zeichnet ein hämisches Bild einer untertänigen Abhängigkeit gegenüber Warhol, die es so nie gab. Vielmehr scheint Andy Warhol der einzige Mensch zu sein, zu dem Basquiat noch Vertrauen hat. Warhol gelingt es sogar, Jean-Michel für einige Zeit vom Drogenkonsum abzuhalten. Sie verbringen viel Zeit miteinander, arbeiten zusammen, fahren gemeinsam in Urlaub, nach St. Moritz, Tokio und Madrid, oder nach Pittsburgh, der Heimatstadt Warhols. Angeblich fühlt sich Warhol auch sexuell zu Basquiat hingezogen.

Ruhm, Geld und Elend
Das Auktionshaus “Christie’s” versteigert im Rahmen der “Spring Auction Of Contemprorary Paintings” Basquiats Gemälde “Untitled (SKULL)” von 1982 für die Rekordsumme von 19.000 Dollar. Ein Jahr zuvor wurden für die selbe Arbeit noch viertausend Dollar verlangt. Basquiat ist zu diesem Zeitpunkt 23 Jahre alt.
Im Februar 1985 erscheint er auf dem Cover des New York Times Magazines. Der anhaltende Hype um seine Person steigert Paranoia und Drogenkonsum, seine angschlagene Gesundheit wird offensichtlich. Dunkle Hautirritationen machen sich auf seinem Gesicht bemerkbar, manchen Spekulationen zur Folge ein Ergebnis der fehlenden Milz, welche die durch die Drogen aufgenommenen Gifte hätte abmildern können.

Depressionen, Heroin und der Tod eines Freundes
Basquiat ist schwer depressiv und heroinsüchtig, überwirft sich mit Warhol und zieht sich aus dem Kunstgeschäft zurück, sein Stern beginnt zu verblassen. Den letzten Stoss versetzt ihm trotz oder gerade wegen der zuvor anhaltenden Funkstille der Tod seines langjährigen Freundes Andy Warhol, der am 22. Februar 1987 stirbt. Basquiat malt “GRAVESTONE”, ein Memorial an Warhol. Mit ihm veliert Basquiat den einzig wirklichen Halt, den er im Haifischbecken der Kunstszene hat. Andy Warhol ist die Konstante in Jean-Michels Leben der letzten Jahre gewesen, er war es, der Basquiat immer wieder von der Kippe holte.
Das Ende

Am 22. August 1988 stirbt Jean-Michel Basquiat in seinem Appartment in der Great Jones Street an einer Heroinüberdosis. Er ist 27 Jahre alt.

mignon naegeli
13 Jun 2004
not bad at all!
Keep on digging - and don’t forget Bruno Bischofberger the Art Dealer in Zurich.
Mignon
PS. we named our Puppy Basquiat, he sort of looks like him.
Natalia E. Woytasik
6 Jul 2004
trauriges Schicksal, informativ und gut geschrieben, vielen Dank...
Monika Weber
4 Jan 2005
Wenn ja, bitte nenn mir einen Link dazu oder einen Anhaltspunkt! DANKE schon im voraus!!!!!!!!!!!
Elina Ranki
11 Mär 2005
basquiat
11 Mär 2005
jane
10 Apr 2005
ANNA DIGO
27 Apr 2005
Thanks in advance!
yours sincerely
@NNa
K!
30 Apr 2005
-->Art Market Guide 2000:
(www.artnet.com)
...
“Merely three years ago, you could buy a well-developed 22 by 30 inch Basquiat color oilstick drawing for $35,000. Now, you’d be lucky to find one of quality for $135,000. Great large-scale drawings with dense compositions bring $125,000-$250,000”
...
“ Back in 1997, a six-foot-square Basquiat painting would routinely bring $200,000-$300,000 at auction. Only one year later, that same painting was being knocked down for $400,000-$600,000. One major painting, Self-Portrait (estimate $400,000-$600,000), went wild and sold for $3 million (a price that, according to published reports, resulted from ”chandelier bidding“ and was later reduced to $1.5 million”
...
annabelle
24 Nov 2005
Annbelle aus franckreich
tom
27 Dez 2005
bin eben erst auf diese website gesurft... ich war 2001 in berlin in der ausstellung “hits on paper” (77-81) und dazu müsste auch noch folgender katalog zu bekommen sein:
http://sautter-lackmann.de/lager/titel.php?SESSID=&bn=511038
gruß vom bassi-fan tom : )
biggi
18 Mai 2006
I was bitten by tha bug, so I had 2 search 4 some informations about this guy. His paintings are so great, just “breathtakin’”. But it’s a pity, I was studyin art 4 three years in school and never heard about jean michel...
deine site is echt toll
grüße aus bayern/bavaria/germany
christian
7 Jan 2007
die biographie ist klasse, es sind wirklich interessante schlüssel - und randinformation aus basquiats leben aufgeführt, die man sich sonst mühseelig aus 0-8-15 biographien hätte heraussuchen müssen.
vielen dank
christian