Verschlossene Türen
Man mag sich die Frage nach der Motivation einer solchen Vorgehensweise stellen. Wohl kaum eine der so vor der Öffentlichkeit weggeschlossenen Folien wird wegweisende Erkenntnisse enthalten oder auf bisher unbekannten, revolutionären Kniffs didaktischer Natur basieren. Selbst wenn dem so wäre: Sollten nicht gerade und unbedingt dann solche Ergebnisse denen, die Wissen wollen, zugänglich gemacht werden? Bildung sollte jedem, den danach dürstet, verfügbar sein, sie sollte nicht zu einem elitären Luxusprivileg verkommen, auch wenn manche Strömungen meist konservativer Prägung das hin und wieder anders sehen mögen.
Alles Wissen dieser Welt baut aufeinander auf, eine Erkenntnis fußt auf der anderen, nichts und niemand hat sich in einem Reinraum wissenschaftlicher und kultureller Leere entwickelt. Das übertriebene Versteifen auf das viel diskutierte “geistige Eigentum” in allen Lebenslagen entzieht diesem Prinzip seinen zugrundeliegenden Nährboden. Zu Ende gedacht gereicht ein solches Verhalten einzelnen zu vermeintlichem Vorteil, aber einer jeden Gesellschaft zum dauerhaften Nachteil.
Was für kommerziell getriebene Interessen legitim erscheinen mag, sollten die Stätten gesellschaftlich getragener Bildung schon aus eigener Überzeugung entschieden verneinen.
Soweit mein kurzer Rant in eigener Sache, konnte ich mich doch eben nicht an das Passwort der von einem unserer Übungsleiter bereitgestellten Folien erinnern. Nervtötend.

Uwe
18 Nov 2004
Aber auch diejenigen, die ihre “Werke” passwortgeschützt anbieten dürften von ähnlichen Motiven gelenkt werden. Die Ausreden jedenfalls sind fadenscheinig. Sinngemäss: “Das ist noch unreif und kann der Welt nicht angeboten werden”
basquiat
18 Nov 2004
Hanno
18 Nov 2004
Es gibt da noch einiges weiteres, wie Profs mit ihren, eigentlich öffentlich finanzierten Werken umgehen.
Was mir schon öfters untergekommen ist: Profs geben als Literatur zur Vorlesung ihre eigenen Bücher an, diese sind quasi unverzichtbar, um der Vorlesung zu folgen und dabei nicht unbedingt günstig.
Imho eine ziemliche dreistigkeit, Wissen, welches an Unis entsteht, sollte grundsätzlich frei sein (ok, eigentlich sollte das grundsätzlich so sein, aber bei unis isses imho besonders krass, weil die ja von der allgemeinheit finanziert werden).
tric
20 Nov 2004
Allerdings ist dies ja nicht nur ein deutsches Problem, wenn ich an die “günstigen” Tanenbaum Bücher denke. Die sind ja weitestgehend auch bloss grosse Scripte eines Profs.
Bei den Büchern gibt es aber noch ein anderes, meiner Meinung sehr grosses Problem. Ich habe es selber mitbekommen das ein Buch mit Hilfe von Hiwis erstellt wurde (Satz, Korrekturen, Grafiken etc), also von der Uni finanziert. Hier frage ich mich dann doch sehr warum die Unis über zu wenig finanzielle Mittel klagen.
Jens
24 Nov 2004
Andere erwähnten auch das sie bei Foliensätzen (nicht vollständige Skripte) die aus anderen Werken zusammengestellt wurden Probleme mit den Rechteinhabern befürchten wenn die Folien nicht nur der eingeschränkten Studentengruppe zugänglich sind. Der entsprechende § im UrhG ist mir leider gerade entfallen.
Das Wissen auf Vorwissen beruht ist ja gerade das Faktum was durch die neuere Rechtslage ignoriert wird. Leider. Selbst die Volkswirte die ich kenne sehen das kritisch.
basquiat
25 Nov 2004
Eine etwas modernere Lehrgesellschaft allerdings könnte für die in der Regel doch einander ähnelnden und meist trivialen Folien eine Lizenz in der Art der Creative Commons Lizenz wählen - in meinen Augen wäre das eine vorbildliche Lösung, eigenes Wissen als Angestellter einer öffentlichen Bildungseinrichtung der Allgemeinheit verfügbar zu machen.
Dein Hinweis auf neue und geplante Rechtslagen trifft momentan auch in meinen Augen gerade in Sachen Urheber- und Patentrecht auf schmerzliche Art und Weise zu.
Erwin Forner
27 Nov 2004
Und da wir 1 Million arbeitsloser sogenannter Webdesigner haben, die auch für 15 Euro die Stunde arbeiten, nehmen die nun die öffentlich zugänglichen Dokumente und gestalten damit den Unterricht des (dann) Ex-Dozenten, der sich das Wissen vielleicht mühseelig erarbeitet hat. Dein ‘ganzes Wissen ist im Netz zu finden’ stimmt auch nur deshalb, weil es Leute gibt, die es gesammelt und publiziert haben - und die nun arbeitslos dastehen, weil Leute wie Du das nicht zu schätzen wissen, sondern sich noch beschweren, wenn sie zu dämlich sind, sich Passworte zu merken. Schreib ihm halt ne Mail mit dem Tenor “He, Du Arsch, willst Du mir nicht helfen oder kannst Du nicht”? Kommt bestimmt gut.
basquiat
27 Nov 2004
Inwiefern die Verfügbarkeit akademischer Quellen mit den (so unterstellten und von mir in dieser Allgemeinheit nicht implizierten) Trivialitäten des Webdesigns zu tun hat, erschliesst sich mir nicht ganz. Wenn sich die Fähigkeiten des über Arbeitslosigkeit klagenden Webdesigners problemlos durch ein Schnellstudium der Online verfügbaren Quellen erwerben lassen, dann hat dieser ein Kompetenzproblem. Das Wissen über Design, Schriftsatz und Usability eignet man sich nicht “eben mal” an, die Programmierung größerer Projekte indes ist oft schon garnicht mehr vom Webdesigner selbst zu leisten. “Geiz ist Geil” ist nicht der Tenor und schon gar nicht Motivation oder Folge einer offenen Wissensgesellschaft.
Das Verschliessen öffentlich getragener Wissensquellen wird kein besonders erfolgreicher Weg zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit sein, es wird sicherlich ebenfalls keiner Gesellschaft nutzen, deren größtes Kapital die (Aus)Bildung der eigenen Bevölkerung ist.
volker
27 Nov 2004
Wenn alle so wie Du oder die Dozenten denken würden, müsstest Du dir Dein Web-Blog-Script selber schreiben und könntest nicht fertige, im Gegensatz zu den Lehrveranstaltungs-Scripten, nicht von Dir finanzierte Lösungen benutzen.
Sollte ein Dozent wegen eines öffentlichen Scriptes arbeitslos werden (und es geht doch hier nun wirklich nur um Dozenten/Profs und nicht um pseudo Webdesigner) ist er nicht für seinen Job geeignet. Nicht das Script sollte die Lehre ausmachen, sondern sein Vortrag in der Vorlesung. Das Script ist nur eine Hilfe.
Zudem gestalten meiner Erfahrung nach nicht Ex-Arbeitslose für 15e die öffentlichen Seiten sondern vielmehr Studenten für 8e. Würden es die Arbeitslosen erledigen wären diese nicht arbeitslos.
Ich warte auch immer noch auf das Script mit 100 Quellenangaben. Eigentlich wäre selbst eine Quellenangabe ein Wunder.
Jens
5 Dez 2004
ich stimme dir zu das Skripte eigentlich mehr als Sammlung verschiedener Quellenauszüge sein sollten. Ich kenne es leider anders... bzw. Skripte sind mit der Zeit immer stärker gewachsen und Anfangs wurden keine Quellen vermerkt weil das Skript nur als Gedankenstütze des Dozenten diente. Ich kenne auch andere Fälle in denen das Skript eher dem Manuskript zu einem noch nicht erschienenen Buch glich und aus diesem Grund gar nicht digital verfügbar war.
Abschrieb ist sowieso ein heikles Thema. Die Bostonbox ist in gewisser Weise trivial... dennoch müsste die Quelle eigentlich genannt werden. Fast jeder Algorithmus taucht irgendwo auf und müsste - wenn man dem Gesetz folgt - entsprechend zitiert werden. Ich denke viele Dozenten haben einfach Sorge verklagt zu werden. Ob dies rechtlich gerechtfertigt ist spielt keine Rolle.
Die Idee der freien Forschung bzw. freien Publikation entwickelt sich gerade durch die Auseinandersetzung über die extrem teuren wissenschaftlichen Zeitschriften. Da tritt der Öffentliche Mittel für eingeschränkte Nutzung sogar noch stärker zu Tage: Öffentlich bezahlte Profs forschen, publizieren (layouten)... der Peer Review wird von öffentlich finanzierten Profs durchgeführt und die Zeitschriften können nur aufgrund der öffentlich finanzierten Abos bestehen. Letztlich besteht die Mehrwertleistung des Verlages in Druck und Distribution und zu einem kleinen Teil Organisation des Ablaufs...
BTW: kann man die Kommentare einrücken um die Baumstruktur besser darzustellen? Oder ggf. den Abstand etwas größer gestalten? Die Zuordnung Text / Autor ist m.E. etwas unübersichtlich.
basquiat
12 Dez 2004