/* basquiat's lovely winter riot */: a unique and beautiful snowflake in your heart's lovely winter riot

Verschlossene Türen

Es ist ein Phänomen: Dozenten an Universitäten und Fachhochschulen scheinen zunehmend darauf bedacht zu sein, Ihre Vortrags- und Übungsfolien per Passwortabfrage vor wissbegierigen Blicken zu schützen. Eine zum größten Teil öffentlich finanzierte Lehre will die Allgemeinheit nicht am Ergebnis ihrer Arbeit teilhaben lassen, neu geschaffenes oder didaktisch mehr oder weniger gelungen aufbereitetes Wissen soll nur einem ausgewählten Kreis zugänglich sein. Kein Kollege und kein Student anderer Universitäten soll bei seiner Netzrecherche an den Früchten der eigenen Arbeit teilhaben dürfen.

Man mag sich die Frage nach der Motivation einer solchen Vorgehensweise stellen. Wohl kaum eine der so vor der Öffentlichkeit weggeschlossenen Folien wird wegweisende Erkenntnisse enthalten oder auf bisher unbekannten, revolutionären Kniffs didaktischer Natur basieren. Selbst wenn dem so wäre: Sollten nicht gerade und unbedingt dann solche Ergebnisse denen, die Wissen wollen, zugänglich gemacht werden? Bildung sollte jedem, den danach dürstet, verfügbar sein, sie sollte nicht zu einem elitären Luxusprivileg verkommen, auch wenn manche Strömungen meist konservativer Prägung das hin und wieder anders sehen mögen.

Alles Wissen dieser Welt baut aufeinander auf, eine Erkenntnis fußt auf der anderen, nichts und niemand hat sich in einem Reinraum wissenschaftlicher und kultureller Leere entwickelt. Das übertriebene Versteifen auf das viel diskutierte “geistige Eigentum” in allen Lebenslagen entzieht diesem Prinzip seinen zugrundeliegenden Nährboden. Zu Ende gedacht gereicht ein solches Verhalten einzelnen zu vermeintlichem Vorteil, aber einer jeden Gesellschaft zum dauerhaften Nachteil.

Was für kommerziell getriebene Interessen legitim erscheinen mag, sollten die Stätten gesellschaftlich getragener Bildung schon aus eigener Überzeugung entschieden verneinen.

“In meinen Augen ist es niemals ein Verbrechen, Wissen zu stehlen. Es ist ein guter Diebstahl... Der Pirat des Wissens ist ein guter Pirat. Wenn ich noch einmal jung wäre, dann würde ich ein Schiff bauen, das so hieße: Pirat des Wissens. Was in der Wissenschaft derzeit schlimm ist, ist dass die Firmen ihr Wissen kaufen und es deshalb geheim halten wollen. Und deshalb werden die Piraten morgen die sein, die im Recht sind. Man wird das Geheimnis piratieren.” [Michel Serres]

Soweit mein kurzer Rant in eigener Sache, konnte ich mich doch eben nicht an das Passwort der von einem unserer Übungsleiter bereitgestellten Folien erinnern. Nervtötend.

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  • Nach meinen Erfahrungen nehmen es viele Professoren nicht all zu genau mit den Quellenangaben. Ein hier nicht genannter Dozent hat sein Skript auf ca. 200 Seiten aufgeblasen und rund 80% davon kann man genau so im Netz wiederfinden. Ich weiss nicht, ob dort überhaupt irgendeine Quellenangabe zu finden ist (habe im Moment keinen Zugriff darauf). Natürlich gibt es das Skript nur in Papierform. Eine elektronische Verbreitung würde diesen Prof irgendwann öffentlich als Blender auffliegen lassen.
    Aber auch diejenigen, die ihre “Werke” passwortgeschützt anbieten dürften von ähnlichen Motiven gelenkt werden. Die Ausreden jedenfalls sind fadenscheinig. Sinngemäss: “Das ist noch unreif und kann der Welt nicht angeboten werden”
  • Daran hatte ich in meiner Blauäugigkeit garnicht gedacht. Ein solcher Umstand gibt dem Ganzen natürlich noch einmal eine ganz andere Qualität - gute Piraten sollten wenigstens zitieren und ihre Quellen preisgeben. ;-)
  • Volle zustimmung zum Kommentar.

    Es gibt da noch einiges weiteres, wie Profs mit ihren, eigentlich öffentlich finanzierten Werken umgehen.
    Was mir schon öfters untergekommen ist: Profs geben als Literatur zur Vorlesung ihre eigenen Bücher an, diese sind quasi unverzichtbar, um der Vorlesung zu folgen und dabei nicht unbedingt günstig.
    Imho eine ziemliche dreistigkeit, Wissen, welches an Unis entsteht, sollte grundsätzlich frei sein (ok, eigentlich sollte das grundsätzlich so sein, aber bei unis isses imho besonders krass, weil die ja von der allgemeinheit finanziert werden).
  • auch wenn ich euch bei fast allem zustimmen muss gibt es hier eine Einschränkung. Bücher können von mir aus was kosten, solang es sie elektronisch kostenlos gibt. Der Druck, Einband und so weiter ist ja auch nicht kostenlos für den Prof/Verlag.
    Allerdings ist dies ja nicht nur ein deutsches Problem, wenn ich an die “günstigen” Tanenbaum Bücher denke. Die sind ja weitestgehend auch bloss grosse Scripte eines Profs.

    Bei den Büchern gibt es aber noch ein anderes, meiner Meinung sehr grosses Problem. Ich habe es selber mitbekommen das ein Buch mit Hilfe von Hiwis erstellt wurde (Satz, Korrekturen, Grafiken etc), also von der Uni finanziert. Hier frage ich mich dann doch sehr warum die Unis über zu wenig finanzielle Mittel klagen.
  • Mich ärgert diese Passwortsperre auch - die Professoren / Dozenten die ich darauf angesprochen habe nannten aber ebenfalls die Zitier-Problematik.
    Andere erwähnten auch das sie bei Foliensätzen (nicht vollständige Skripte) die aus anderen Werken zusammengestellt wurden Probleme mit den Rechteinhabern befürchten wenn die Folien nicht nur der eingeschränkten Studentengruppe zugänglich sind. Der entsprechende § im UrhG ist mir leider gerade entfallen.
    Das Wissen auf Vorwissen beruht ist ja gerade das Faktum was durch die neuere Rechtslage ignoriert wird. Leider. Selbst die Volkswirte die ich kenne sehen das kritisch.
  • Der Punkt der Zitierproblematik ist mir nicht ganz klar - solange ich eben Zitate deutlich als solche nebst Quellenangabe kennzeichne, sollten hier doch keine Probleme zu erwarten sein? Besteht der Foliensatz eines Dozenten allerdings fast nur aus Abschrieb, so muss man sich natürlich Fragen, inwiefern hier die Lehre noch wirklich ernst genommen oder die Arbeit anderer respektiert wird.

    Eine etwas modernere Lehrgesellschaft allerdings könnte für die in der Regel doch einander ähnelnden und meist trivialen Folien eine Lizenz in der Art der Creative Commons Lizenz wählen - in meinen Augen wäre das eine vorbildliche Lösung, eigenes Wissen als Angestellter einer öffentlichen Bildungseinrichtung der Allgemeinheit verfügbar zu machen.

    Dein Hinweis auf neue und geplante Rechtslagen trifft momentan auch in meinen Augen gerade in Sachen Urheber- und Patentrecht auf schmerzliche Art und Weise zu.
  • Du übersiehst da aber was... typisch für Leute mit Nehmer-Mentalität. Es steckt viel Arbeit darin, hunderte Quellen auszuwerten, Fakten zu sortieren, strukturieren usw. und didaktisch so aufzubereiten, daß man damit arbeiten kann.

    Und da wir 1 Million arbeitsloser sogenannter Webdesigner haben, die auch für 15 Euro die Stunde arbeiten, nehmen die nun die öffentlich zugänglichen Dokumente und gestalten damit den Unterricht des (dann) Ex-Dozenten, der sich das Wissen vielleicht mühseelig erarbeitet hat. Dein ‘ganzes Wissen ist im Netz zu finden’ stimmt auch nur deshalb, weil es Leute gibt, die es gesammelt und publiziert haben - und die nun arbeitslos dastehen, weil Leute wie Du das nicht zu schätzen wissen, sondern sich noch beschweren, wenn sie zu dämlich sind, sich Passworte zu merken. Schreib ihm halt ne Mail mit dem Tenor “He, Du Arsch, willst Du mir nicht helfen oder kannst Du nicht”? Kommt bestimmt gut.
  • Du missverstehst mich. Es geht hier nicht um die viel gescholtene “Nehmer-Mentalität”. Die Arbeit der Dozenten an Universitäten und Fachhochschulen ist öffentlich, also auch von Dir und mir und der Dame an der LIDL-Kasse finanziert. Wer, wenn nicht die Öffentlichkeit, hätte ein Recht darauf, das Ergebnis dieser Arbeit allgemein zugänglich vorzufinden? Mit mangelnder Wertschätzung hat das Ganze nichts zu tun, im Gegenteil.

    Inwiefern die Verfügbarkeit akademischer Quellen mit den (so unterstellten und von mir in dieser Allgemeinheit nicht implizierten) Trivialitäten des Webdesigns zu tun hat, erschliesst sich mir nicht ganz. Wenn sich die Fähigkeiten des über Arbeitslosigkeit klagenden Webdesigners problemlos durch ein Schnellstudium der Online verfügbaren Quellen erwerben lassen, dann hat dieser ein Kompetenzproblem. Das Wissen über Design, Schriftsatz und Usability eignet man sich nicht “eben mal” an, die Programmierung größerer Projekte indes ist oft schon garnicht mehr vom Webdesigner selbst zu leisten. “Geiz ist Geil” ist nicht der Tenor und schon gar nicht Motivation oder Folge einer offenen Wissensgesellschaft.

    Das Verschliessen öffentlich getragener Wissensquellen wird kein besonders erfolgreicher Weg zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit sein, es wird sicherlich ebenfalls keiner Gesellschaft nutzen, deren größtes Kapital die (Aus)Bildung der eigenen Bevölkerung ist.
  • Antwort auf Erwin Forner:

    Wenn alle so wie Du oder die Dozenten denken würden, müsstest Du dir Dein Web-Blog-Script selber schreiben und könntest nicht fertige, im Gegensatz zu den Lehrveranstaltungs-Scripten, nicht von Dir finanzierte Lösungen benutzen.

    Sollte ein Dozent wegen eines öffentlichen Scriptes arbeitslos werden (und es geht doch hier nun wirklich nur um Dozenten/Profs und nicht um pseudo Webdesigner) ist er nicht für seinen Job geeignet. Nicht das Script sollte die Lehre ausmachen, sondern sein Vortrag in der Vorlesung. Das Script ist nur eine Hilfe.

    Zudem gestalten meiner Erfahrung nach nicht Ex-Arbeitslose für 15e die öffentlichen Seiten sondern vielmehr Studenten für 8e. Würden es die Arbeitslosen erledigen wären diese nicht arbeitslos.

    Ich warte auch immer noch auf das Script mit 100 Quellenangaben. Eigentlich wäre selbst eine Quellenangabe ein Wunder.
  • Hi,
    ich stimme dir zu das Skripte eigentlich mehr als Sammlung verschiedener Quellenauszüge sein sollten. Ich kenne es leider anders... bzw. Skripte sind mit der Zeit immer stärker gewachsen und Anfangs wurden keine Quellen vermerkt weil das Skript nur als Gedankenstütze des Dozenten diente. Ich kenne auch andere Fälle in denen das Skript eher dem Manuskript zu einem noch nicht erschienenen Buch glich und aus diesem Grund gar nicht digital verfügbar war.

    Abschrieb ist sowieso ein heikles Thema. Die Bostonbox ist in gewisser Weise trivial... dennoch müsste die Quelle eigentlich genannt werden. Fast jeder Algorithmus taucht irgendwo auf und müsste - wenn man dem Gesetz folgt - entsprechend zitiert werden. Ich denke viele Dozenten haben einfach Sorge verklagt zu werden. Ob dies rechtlich gerechtfertigt ist spielt keine Rolle.

    Die Idee der freien Forschung bzw. freien Publikation entwickelt sich gerade durch die Auseinandersetzung über die extrem teuren wissenschaftlichen Zeitschriften. Da tritt der Öffentliche Mittel für eingeschränkte Nutzung sogar noch stärker zu Tage: Öffentlich bezahlte Profs forschen, publizieren (layouten)... der Peer Review wird von öffentlich finanzierten Profs durchgeführt und die Zeitschriften können nur aufgrund der öffentlich finanzierten Abos bestehen. Letztlich besteht die Mehrwertleistung des Verlages in Druck und Distribution und zu einem kleinen Teil Organisation des Ablaufs...

    BTW: kann man die Kommentare einrücken um die Baumstruktur besser darzustellen? Oder ggf. den Abstand etwas größer gestalten? Die Zuordnung Text / Autor ist m.E. etwas unübersichtlich.
  • Die Kommentardarstellung ist in der Tat momentan etwas suboptimal. Wenn ich etwas mehr Zeit habe, werde ich mich um eine Überarbeitung meines CSS kümmern, mir schweben da noch ein paar andere, kleinere optische Veränderungen vor.
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