Diversifikation
Es wird wohl eher zu einem Nebeneinander denn zu einem Gegeneinander kommen, zu Menschen, die sich verschiedener Diskussions- oder Publikationskanäle bedienen und zu Menschen, die aus Prinzip und selbstgewonnener Erfahrung nur das eine oder andere Medium zu nutzen und zu schätzen wissen. Das Usenet, Mailinglisten, Blogs: Alle haben ihre Vor- und Nachteile, die Probleme allerdings sind nicht immer deckungsgleich.
Blogs sind, bei aller Theorie, nicht äquivalent zum Usenet - sie können und wollen auch nicht das Gleiche leisten. Der dezentrale Ansatz birgt den Vorteil, den eigenen Vorgarten sauber halten zu können, und bringt so durchaus manchesmal Artikelsammlungen von erstaunlicher Qualität zum Vorschein. Durch die willentliche Vernetzung untereinander entstehen Pfade, die Einladen und damit auch Ausgrenzen, ein Qualitätsmanagement ganz eigener Art. Das Problem der einzeln verlinkten Inseln wird mit immer brauchbareren Akregatoren und RSS-Feeds kleiner, den ursprünglichen Komfort einer (wenn auch nicht physisch) zentralen und (gemeint) strikt themenorientierten Lösung wie der des Usenets aber können auch diese Programme nicht bieten.
Der Beißreflex manches Urgesteins zum Thema Blogs allerdings zeigt nur, mit welchen Problemen man es im Usenet wirklich zu tun hat. Spammer und vereinzelte Trolle sind handhabbar, Starrsinn ist es nicht. Da wird jeder Medienbruch zur Katastrophe, das Trafficproblem überlanger Signaturen in zweihundert ausschweifenden Beiträgen jedesmal auf’s neue erörtert. Die quälend unerträgliche Realnamediskussion hat mich so von einem Befürworter in der Sache zu einem (stillen) Gegner der Apologeten werden lassen.
Natürlich liest sich das deutschsprachige Usenet formal vergleichsweise angenehm, das Einhalten gewisser Mindeststandards sollte jedem Kommunikationsteilnehmer nicht nur dort Anliegen aus eigenem Interesse sein. Gleichzeitig ist das Klima vielerorts vergiftet - neben den immernoch zahlreichen, wertvollen Beiträgen scheint es ein ganzes Heer an selbsternannten Nutznetzpädagogen der ältesten, urpreussischen Schule zu geben, die oft nur auf das nächste Opfer warten. Usenet kann Spass machen, der Aufwand zur Filterung allerdings wird immer größer (und damit sicherlich immer seltener frei von Kollateralschäden). Usenet ist ein offenes Medium, und das ist eigentlich auch gut so. Besitzstandsdenken führt im gemeinschaftlichen Raum jedoch unweigerlich in die Irre, das Herausekeln unerwünschter Personen verdirbt am Ende allen die Atmosphäre. Es ist die Entdeckung des eigenen Lieblingsclubs durch die doppeldeutig breite Masse, das Avancieren vom Geheimtip zum überlaufenen Szenetreff. Eine Türsteherpolitik aber kann es im Usenet nicht geben - auf Mailinglisten dagegen durchaus, dort - wie könnte es anders sein - nicht selten wiederum Anlass zu neuen Problemen und neuem Diskussionsstoff.
Menschlich verständlich: Immer und immer wieder auf Gleiches hinzuweisen, das kostet Geduld, und je lernresistenter die hereinströmenden Neuankömmlinge, desto wahrscheinlicher der Umschwung vom Oberlehrerhaften ins Persönliche. Das Usenet ist nicht tot, es liegt auch nicht in hinsiechender Agonie. Die Gegend hat sich verändert, es streifen mehr Fremde durch’s Dorf. Auch wenn das eigentlich dem Genpool zum Vorteil gereichen sollte: Man traut sich nur noch im Asbestanzug mit Scheuklappen auf die Strasse. Klar, dass sich manch einer darin zu albern vorkommt.
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