/* basquiat's lovely winter riot */: a unique and beautiful snowflake in your heart's lovely winter riot

Dem Tod ins Auge geschaut

Es gibt Momente, in denen man Entscheidungen treffen muß. Momente, in denen das geliebte Weib samt Rat und Tat fernab weilt, der Kühlschrank vor Leere gähnt und die Geschäfte bereits geschlossen haben. Selbst wie Mann ist, hatte ich es zumindest nicht versäumt, auf dem Heimweg für etwas Bacon zu sorgen, um den abendlichen Heißhunger mit leckersten Bratkartoffeln samt Zwiebeln, Knoblauch und Currypaste zu stillen. Meine Vorfreude wurde beim Anblick der Kartoffeln jedoch jäh getrübt: Eine Unzahl kleiner, weißer Keimlinge rankte aus den nahrhaften Knollen, die man nach Omas Lesart wohl besser doch nicht zusammen mit Zwiebeln in einer Schublade aufbewahren sollte.

Angsterfüllter Hypochonder der ich bin - Lebensmittel werfe ich wohlstandskonditioniert grundsätzlich lieber zwei Tage vorm Verfallsdatum als danach in den Abfall - galt es sich via Google über Gefahren und Risiken des Verzehrs keimender Knollen zu informieren. Was ich im weltumspannenden Netz der eingebildeten Kranken lesen mußte, überstieg meine schlimmsten Befürchtungen. Zur gemeinen Kartoffel, die ihr giftiges Solanin verstärkt in den grünen Teilen und ihren Keimlingen anlagert, stand zu entnehmen:

"Tödliche Vergiftungen durch die Pflanze sind sehr viel in der Literatur beschrieben worden. Beim Kochen werden die Giftstoffe nicht zerstört, sondern sie gehen in das Kochwasser über. Nach einigen Stunden der Aufnahme kommt ein Brennen und Kratzen im Mund-, Hals- und Rachenbereich zustande. Eine rote, trockene und heiße Haut, Übelkeit, Erbrechen und heftige und übelriechende Durchfälle treten auf. Der erbrochene Mageninhalt hat oft eine gallige Färbung. Zu den Bewusstseinsstörungen kommen Kopfschmerzen, Schweißausbrüche und Augenflimmern mit manchmal aufkommenden optischen Täuschungen. Krämpfe sind bei dieser Vergiftung nur selten zu erkennen. Der Tod tritt meist bei voll erhaltenen Bewusstsein durch eine Atemlähmung ein.

Prost Mahlzeit, Appetitanregendes formuliert sich anders. Doch wer mich kennt, kennt meinen Heißhunger, und so ergoogelte ich mir die passenden Gegenthesen unter geschicktestem Einsatz selektiver Wahrnehmung:

“Unter der Schale, an Keimstellen und in grünen Teilen von Kartoffeln ist vermehrt Solanin enthalten. Dieses Gift wirkt in grösseren Mengen schleimhautreizend und kann zu Augenbrennen, kratzendem Hals, Kopfschmerzen, Leibschmerzen und Durchfall führen. Kleine Mengen Solanin sind für erwachsene Menschen unproblematisch. Deshalb reicht es, wenn Sie grüne Teile von Kartoffeln vor dem Kochen grosszügig wegschneiden und die Keimstellen ausstechen.”

So angeleitet schnitt ich großzügig die gegnerischen Keimlinge aus den heimischen Erdäpfeln und hoffte, damit unter der lethalen Dosis von 400mg Solanin zu bleiben. Mittlerweile ist die Mahlzeit zubereitet, verspeist und in den Tiefen meines Verdauungstraktes verschwunden. Hin und wieder meine ich ein Jucken oder ungewöhnlich trockene Schleimhäute zu erspüren, kann das aber ebensogut wie andere Vergiftungserscheinungen auch auf den nicht ganz so exquisiten 2005er Müller-Thurgau aus rheinhessischem Anbau zurückführen - was gäbe ich jetzt für einen guten Riesling als letzten Gaumenschmaus!

Auch wenn man sich die Welt durch Google zusammenzimmern kann, wie sie gerade gefällt: Sollte dies meine Henkersmahlzeit gewesen sein, so werde ich morgen - nach meinem grausamen Dahinsiechen - einen ausführlichen und authentischen Bericht über den verlorenen Todeskampf zum Besten geben und damit die Besucherzahlen meines Blogs in bis dahin noch nicht gekannte Höhen treiben. Guten Appetit!

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