Von Kreisen und Sphären
Schon lange vor der Entstehung der neuzeitlichen Blogosphäre existierten soziale Strukturen im Netz, die trotz ihres losen Zusammenhalts eine Art Netzkultur definierten. Diese Kultur wurde, oft gegen allerhand Widerstände, regelmäßig neu positioniert, die selbst auferlegten, geschriebenen und ungeschriebenen Gesetze passten sich dem Lauf der Dinge an oder verschwanden ganz. Die Blütezeiten des Usenet, der großen und kleinen Mailbox-Systeme und späteren Mailinglisten wechselten sich gegenseitig ab, allesamt waren es Medien mit jeweils ureigenen Regeln und Traditionen. Rhetorisch geschliffene Flamewars und stilloses Gepöbel, es zielgruppte auf fast jeden Geisteszustand. Menschen wussten sich verbal anzufassen, auszuteilen und einzustecken, waren sich der Gepflogenheiten bewußt und kamen ohne Hausjustiziar selbst mit gelegentlichen Tiefschlägen klar. Damals war alles besser.
Von vielen erst und immernoch als neumodische, vor Medienbrüchen nur so strotzende Hyperfluidität abgetan, erlangten Weblogs in einem mittlerweile durch und durch durchkommerzialisierten Netz in Windeseile erhebliche Aufmerksamkeit. Alte Hasen konvertierten und konnten einen reichhaltigen Fundus miterlebter und mitgestalteter Netzgeschichte aufbieten, neue Gesichter bereicherten oder schockierten durch neue Blickwinkel. Das Internet erlebte nicht den ersten Clash Of Cultures, doch immernoch lassen sich viele Verständnisprobleme auf die unterschiedliche Netzsozialisation ihrer Akteure zurück führen.
Wer das Netz als reines Instrumentarium zur Mehrung geschäftsrelevanter Größen betrachtet und dessen reichhaltige Kulturgeschichte vollends übersieht, dem ist die Böswilligkeit der anderen in einen armen Geist pawlowisiert, der bei jeder Gelegenheit immer wieder reichlich Speichel fließen läßt: “Meins! Meins! Meins!”. So muß von dieser Warte aus betrachtet ein jedes unverstandene Handeln Dritter einen monetären Hintergrund haben, zumindest aber auf niederen Motiven basieren. Zertrampelte Sandburgen.
Nicht wirklich produktiver ist die Haltung der klassischen Konsumentenklientel, deren Geiz so geil ist, dass sich die Freiheit des Netztes konnotativ am Freibier festmachen läßt. Auch wenn das Konstrukt des “geistigen Eigentums” in dieser Formulierung ein pervertiertes ist, ergeben Urheberrechte auch in einer freien Informationsgesellschaft, die indes in immer weitere Fernen rückt, Sinn - von aktuellen Ausarbeitungen und Anwendungspraktiken vielleicht einmal abgesehen. Das allerdings mag nicht jeder verstehen, der anderen den Respekt vor ihrer Arbeit abspricht.
Die Diskussion um Blogs, Planeten und Contentdiebe ist eine Diskussion, die in vielen Bereichen an eine treffende Analyse Kristian Kohntöpps erinnert, der diese zwar nicht dem aktuellen Thema auf den Leib geschrieben hat, aber ein Gespür vermitteln kann, wohin unterschiedliche Bezugssysteme in der Wahrnehmung der Einzelnen führen können:
Wir haben hier inzwischen zwei getrennte Universen, die sich gegenüber stehen und die unterschiedliche Kulturen, Regeln und Bezugssysteme haben. Solange man sich im kooperativen Universum bewegt, spielen Lizenzen im Grunde eine untergeordnete Rolle. Ich gebe Content, Du gibst Code, hier mein Wikipedia-Artikel, da meine Anrufbeantwortersprüche, und da drüben dann meine Band als Podcast. Kein Problem, denn die Leute arbeiten miteinander, bauen aufeinander auf und referenzieren ihre Quellen mehr oder weniger fleißig korrekt.
Lizenzen dienen hier in erster Linie zur Abgrenzung vom kompetitiven Universum, also zur Freund-Feind-Erkennung und als Schutz vor diesem, also zum draußen halten von Feinden. Innerhalb des kooperativen Universums dienen sie mehr als philosphische Definitionshilfen: Durch die Wahl einer Lizenz definiert der Urheber seine ideologische Position innerhalb der kooperativen Wolke, indem er mit Hilfe der Lizenz für sich die Lage der Grenzlinie zwischen kooperativer und kompetetiver Welt definiert.
Es sollte einem jeden unbenommen bleiben, sich frei innerhalb dieser beiden Universen positionieren zu können. Verständnisprobleme der unterschiedlichen Sphären werden dagegen nie ausbleiben, was häufig dem mangelnden Überblick ihrer Akteure zu verdanken ist. Weniger abstrahiert und zurück zum Ausgangspunkt kehrend: Der Macher des Lawblog, dessen Treffgenauigkeit in Sachen Selbsteinschätzung ich nicht überbewerten mag, ist nicht das personifizierte Böse, weil er sich ideologisch von einem - um bei der oben eingeführten Definition des Begriffs zu bleiben - kooperativen Verständnis der Blogosphäre entfernt hat. Ebensowenig sind Planetarier, die irrtürmlich ihre Position für die einzig vorstellbare halten, eigennützige Schmarotzer oder fiese Contentdiebe. Es sind Menschen, die im Zweifel mehr kommunizieren und eigene Anschauungen nicht als allgemeingültige Realität fixieren sollten.
So stünde es auch zukünftigen Vertretern beider Seiten gut an, wenn der aggregierende Meisterdieb in Zukunft mehr auf die Lizenzen fremder Werke achten und der bloggende Advokat nicht gleich Gift und Galle spucken würde, wenn manche Phänomene seine bisherigen Kenntnisse über das Netz der Netze erweitern. Freundliches Bitten sollte stets der “natürliche erste Schritt” sein, ganz gleich, was in der kompetitiven Anwaltswelt “da draußen” ansonsten Usus ist. Manch einer wird erstaunt sein, wie weit man auch damit kommen kann.

Andreas Skowronek
5 Aug 2006
Na, ich habe da so meine Zweifel, nachdem ich seine Texte und das Impressum seines Blogs mal einem Abgleich unterzogen und zum Thema eines Postings gemacht habe.
Andreas Rauer
5 Aug 2006
Freundlich vorher zu fragen sollte ja selbstverständlich sein, aber das scheint wirklich einer der schwierigsten Schritte zu sein.
Was mich als Nachhall der lawblogschen Planetenverteufelung selber am ehesten berührt, ist die Tatsache, das Isotopp seinen Planeten deswegen abgeschaltet hat :-/
fh
5 Aug 2006
basquiat
5 Aug 2006
Andreas Rauer
5 Aug 2006