/* basquiat's lovely winter riot */: a unique and beautiful snowflake in your heart's lovely winter riot

Panikattacken

Wie hoch die statistisch gemittelte Gefahr eines terroristischen Anschlags in Deutschland ist, vermögen nur kreative Zahlendreher mit nachrichtendienstlichem Informationsvorsprung näherungsweise erfassen können - das tatsächliche Bedrohungspotential des alltäglichen Straßenverkehrs (oder aber der eigenen Lebensart) sollte dem verängstigten Bundesbürger einen weitaus gewichtigeren Grund zur Sorge bieten. Feindbilder und Schreckensszenarien jedoch sichern Wahlen und schweißen zusammen, so daß sich niemand ernsthaft über blinden Aktionismus und berechnenden Populismus wundert - so darf in den Planspielen steuerfinanzierter Merkbefreiung der eher garnicht bis schlecht auf die Aufgabe vorbereitete 1-Euro-Jobber den Hilfssherrif des hauptamtlich bewaffneten Train-Marshalls spielen, um heldenhaft durch überfüllte ICEs zu hechten, sollte ein Fahrgast den eigenen Aktenkoffer beim Urinieren als entbehrlich erachtet haben. Sicherlich bieten auch Regionalzüge, wahlweise bestückt mit präpubertär plärrendem oder alkoholisiert gröhlendem Transportgut - lies: Klassenfahrten und Fanverfrachtung - reichlich Möglichkeit zum Trainieren der eigenen Durchsetzungskraft. Der Rücksitz der eigenen Dienstlimousine scheint schnell und nachhaltig zu entfremden. Vielleicht aber hilft man mit eingezogenem Schwanz dann doch lieber nur beim Ein- und Aussteigen?

Weniger amüsant, dabei allerdings nicht minder Zeugnis ausgeprägter Begriffsstutzigkeit, sind die regelmäßigen Rufe nach noch (und immer) mehr Überwachung. Dass diese allenfalls zur Aufklärung von Anschlägen, jedoch kaum zur Vermeidung derselben taugt, liegt auf der Hand. Und selbst, wenn das Gegenteil der Fall wäre: Konsquent zu Ende gedacht bliebe nur der flächendeckend überwachte Polizeistaat, die totale Abschaffung des öffentlichen Raumes. In guter Tradition trägt natürlich auch das von Kinderschändern, Neonazis und neuerdings eben auch von Terroristen instrumentalisierte Internet einen Großteil der Schuld auf den wehrlosen Schultern. Breaking News: Verschlüsselung ist mittlerweile dermaßen komplex, dass sie praktisch nicht mehr zu umgehen ist und damit ihrem eigentlichen Bestimmungszweck dient. Der verwunderte Parteigänger reibt sich die naiven Äuglein - und fordert folgerichtig ein Verbot, um gesetzestreuen Gotteskriegern das Handwerk zu legen. Es ist erstaunlich, mit welcher Unbedarftheit Ministerposten zu erlangen sind.

Mittlerweile offenbart das Konzept des gutwillig unterstellten Zieles der gefühlten Sicherheit zur Beruhigung der geistig in Angst Erstarrten seinen Selbstbetrug unbewußt. Und spätestens an dieser Stelle wird’s unangenehm. Ist man auf das Hohlphrasieren der scheinbar generalentkernten Politkaste einigermaßen eingestellt, kommt nun der - von wem auch immer ferngesteuerte und in Panik versetzte - Lemming im Kampf um ein wenig Restvernunft unter den Mitmenschen als ernstzunehmender Gegner hinzu. Der Stammtisch und die übliche Ausgewogenheit der großen Massenmedien zeigen ihre Wirkung, hier und anderswo, ein vereinigtes Europa im Kampf gegen Rauschebärte und liegen gebliebene Gepäckstücke. Was hätte man sich diese brutalstmögliche Wachsamkeit auch bei manch ominösem, schwarzen Koffer gewünscht! Statt todbringender Bomben gab’s da jedoch nur jüdische Vermächtnisse zu enthüllen. Wie unspektakulär.

“Die Freiheit nehm’ ich mir”, nehmen wir uns. Meine Stadt, die ist hier in Mannheim:

Die Mannheimer Innenstadt ist wegen eines herrenlosen Einkaufs-Trolleys weiträumig abgesperrt worden. Das Gepäckstück wurde an einer Haltestelle vor einem Warenhaus angekettet. Es erwies sich als harmlos.

Beängstigend.

Via Jochen Lillich.

2500 Klicks
  • Noch keine Kommentare
Umschließende Sterne heben ein Wort hervor (*wort*), per _wort_ kann ein Wort unterstrichen werden.
Die angegebene E-Mail-Adresse wird nicht dargestellt, sondern nur für eventuelle Benachrichtigungen verwendet.
BBCode-Formatierung erlaubt

Trackbacks / Pingbacks