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Zurück in die Zukunft

“Why do humans kill humans to show humans killing is wrong?”
(Amnesty International)

Ein irakisches Sondergericht verhängte nun wegen der von Saddam Hussein begangenen Verbrechen gegen die Menschlichkeit ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Der amerikanische Botschafter Zalmay Khalilzad sieht in eben diesem einen wichtigen Meilenstein auf dem Weg “in eine freie Gesellschaft, deren Grundlage die Achtung des Gesetzes sei” (und damit wohl weniger die Achtung vor dem menschlichen Leben als solchem), während für US-Regierungssprecher Tony Snow staatliches Morden ein Beleg für die “Lebensfähigkeit der irakischen Regierung” ist. Wenig überraschend ertönt jubelndes Gebell auch in Großbritannien: Bushs Schoßhündchen sind freudig am kläffen.

Doch “wo die Todesstrafe besteht, da fehlt dem Gewissen eines Volkes eine entscheidende Schranke gegen die verbrecherische Perversität, über menschliches Leben hinwegzuschreiten.” (Ferdinand Kadecka). Und so sind “Mord und Todesstrafe nicht Gegensätze, die einander aufheben, sondern Ebenbilder, die ihre Art fortpflanzen” (George Bernhard Shaw).

Relevante Links:
Höchststrafe nach kurzem Prozeß
Jubel und Drohungen nach umstrittenem Prozess
Tod durch den Strang für Saddam

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  • Schön, dass Du George Bernhard Shaw’s Zitat aufgenommen hast, ich finde damit ist alles gesagt.

    Todesstrafe hat nicht mit einer intendierten Besserung der Gesellschaft zu tun, sondern mit primitiver, menschenverachtender Rache.

    Ich war gerade kurz davor, selbst darüber zu bloggen, aber ich finde, Du hast alles wichtige dazu gesagt. Danke.
  • Warum wird die Todesstrafe eigentlich ausgerechnet dann am heftigsten kritisiert, wenn sie ueber die uebelsten Verbrecher verhaengt wird? Dann tritt die Barbarei der Strafe hinter die des Bestraften zurueck und die Argumente laufen am Ziel vorbei. Dies gilt insbesondere fuer den Irak, der gerade anderweitig erheblich groessere menschenrechtliche Defizite zu bewaeltigen hat: er befindet sich im Buergerkrieg. Oder anders ausgedrueckt: in einem brennenden Theater beschwert sich niemand, dass das Stueck scheisse ist. Und so wie die Sache aussieht, wird es nichts mit “Zurueck in die Zukunkt”, gelesen als Aufforderung, zu den Werten der Aufklaerung zurueckzukehren. Vielmehr geht es allenthalben “vorwaerts in die Vergangenheit” und auch im zivilisierten Teil der Welt muss man um diese Werte bangen. Daher sollten wir sie auch dort zuerst schuetzen - ein Blick auf die Weltkarte bringt eine ganze Reihe stabiler Demokratien, die die Todesstrafe verhaengen, einer in die Nachrichten allzu oft die Abschaffung eines bislang durch die Verfassung verbrieften Rechtes.

    Aber vielleicht muss unsere Freiheit tatsaechlich im Orient verteidigt werden.
  • “Dann tritt die Barbarei der Strafe hinter die des Bestraften zurueck und die Argumente laufen am Ziel vorbei”

    Wir haben also gültige Metriken um festzulegen, welche Barabarei besser ist als andere? Und weil wir nach diesen Metriken entschieden haben, dass Saddam ermorden nich so schlimm ist wie das was er getan hat, tun wirs dann auch?
    Wir können ja mal weiterrechnen.

    1 Saddam ermorden < Saddams Verbrechen
    1 Saddam und alle seine Minister ermorden < Saddamn Verbrechen ?

    Ist das die Art Rechnung, die wir aufmachen müssen?

    Eben nicht. Die Frage ist generell eine ethische: Eine Gesellschaft, die für ihre Erhaltung Menschen umbringen muss, ist es nicht wert, erhalten zu werden. Es gibt absolut keine Berechtigung, Menschen zu ermorden, egal, was sie auch immer getan haben.
  • “Dies gilt insbesondere fuer den Irak, der gerade anderweitig erheblich groessere menschenrechtliche Defizite zu bewaeltigen hat: er befindet sich im Buergerkrieg.”

    Nun, wenn eines der größten Probleme im Irak die Geringschätzung menschlichen Lebens ist, dann frage ich mich, wie der Tod des Despoten durch den Strang dem entgegensteuert. Auch der “übelste Verbrecher” ist eines: ein Mensch. Anderenfalls herrscht eine durch jeweils opportune Namensgebungen austauschbare Beliebigkeit. Menschenrechte als Belohnung für gutes Betragen - im Gegensatz zum unveräußerlichen Mindestkanon - mögen derzeit zwar in einer Reihe “stabiler Demokratien” gesellschaftsfähig sein, für erstrebenswert halte ich eine solche Entwicklung nicht. Werte lassen sich nicht verteidigen, in dem man sie mit Füßen tritt. Das Gegenteil trifft zu: Sie beweisen sich im Ernstfall.

    Der Applaus der Briten baut die Brücke vom Orient nach Europa, auch hierzulande werden zu viele beschwichtigt sein. Ganz entkoppeln läßt sich diese Diskussion nicht - auch wenn ich dir zustimme, dass vor westlicher Türe kaum weniger reichlich zu kehren ist.
  • “wenn eines der größten Probleme im Irak die Geringschätzung menschlichen Lebens ist, dann frage ich mich, wie der Tod des Despoten durch den Strang dem entgegensteuert.”

    Das ist in der Tat die Frage. Man kann es aber auch umdrehen: wie kann die Kritik an der irakischen Rechtsprechung helfen, die Probleme zu bewaeltigen? Es mag unseren ethischen Grundsaetzen zuwiderlaufen, aber gefaelligere Zeugnisse von Rechtstaatlichkeit werden wir fuer lange Zeit nicht aus dem Irak bekommen. Was die klaeffende Bruecke betrifft: hier hast Du leider nicht zitiert, ich kann nur raten, dass Du folgendes aus SPON meinst: “Ich begrüße es, dass Saddam Hussein und die anderen Angeklagten sich der Justiz stellen mussten und für ihre Verbrechen zur Rechenschaft gezogen wurden.” und “Es ist richtig, dass diejenigen, die solcher Verbrechen an dem irakischen Volk beschuldigt werden, sich der irakischen Justiz stellen müssen.”. Ich kann hier nichts entdecken, woran etwas auszusetzen waere. Man versucht eben, der irakischen Regierung den Ruecken zu staerken anstatt ihr in denselben zu fallen. Man mag bemaengeln, dass das Todesurteil nicht kritisiert wird, aber ueber dergleichen wird andernorts auch hinweggesehen. Auch und insbesondere im von Dir angesprochenen Ernstfall - hier werden wir unseren eigenen Anspruechen leider nicht im Mindesten gerecht.

    Um wieder auf die anfaengliche Frage zurueckzukommen: ob die Todesstrafe fuer Saddam dem Irak nutzt, laesst sich derzeit (und vielleicht nie) beantworten. Die Frage, ob es realistisch ist, von einem irakischen Gericht eine mildere Strafe zu verlangen, hingegen schon.
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