Der Leser ist gefordert
Nun sind Blogs aber vor allem das eine: “mein Senf”. Was hier dazugegeben wird, kann überflüssig oder bereichernd sein, ausgewogen berichten oder sprachlich versiert polarisieren - das Urteil darüber schließlich fällt je nach Peer Group unterschiedlich aus. Ein Duschvorhang Ein Blog kann journalistischen Ansprüchen genügen wollen, muss es aber nicht. Dem potentiellen Rezipienten wird sich der informative Mehrwert der viel gescholtenen Blogosphäre nur bei ausreichend vorhandener Medienkompetenz erschließen - der Wille und die Möglichkeit, sich selektiv des eigenen Verstandes zu bedienen, sei hier vorausgesetzt.
Insofern ist es müßig, wortlauten Protagonisten Befangenheit oder mangelnde Objektivität zu unterstellen - kaum einer der Angesprochenen wird das ernsthaft bestreiten wollen. Eine klare Sprache sorgt für klare Fronten. Der verbale Dampfhammer muss und will nicht immer selbst ein Teil der Lösung sein, läßt aber immerhin einen Standpunkt verorten und der eigenen Bewertung zugänglich werden. Don’t judge a book by it’s cover. Handkantenharte Fakten bedürfen keiner Geschenkverpackung, sondern einer kritischen Würdigung - mein Fazit muss nicht das Deinige sein.
Haben Blogs also eine Verantwortung, und wenn ja: welche? Die virtuelle Parallelwelt des Netzes existiert schon lange nicht mehr im rechtsfreien Raum, die eigene Meinungsfreiheit findet ihre Grenzen. Das kritiklose Wiederkäuen von vermeintlichen Informationen kann Lawinen ebenso ins Rollen bringen wie eine fundierte Recherche. Diese selbstreferentielle Natur des Mediums treibt den Verantwortlichen aus PR und Marketing den Angstschweiß ins Gesicht. Waren sie bisher vor allem gewohnt, zu lenken und zu steuern, so scheint das Gefühl des Kontrollverlustes ein unwirkliches zu sein, mit dem sich kaum anzufreunden ist.
Das Biotop ist vielfältig, reich an echten Inhalten, an differenzierenden Sichtweisen, an Ausgewogenheit und Kompromissbereitschaft. Es enthält Lügen und verleumdet, ist einseitig und gnadenlos, ausführlich und verkürzend, auf den Punkt bringend und entstellend. Begnadete Schreiber teilen sich mit Artikulationsopfern und Meinungsmacher mit Trittbrettfahrern das Terrain. Choose your enemy - die Qual der Wahl. Wer nicht wie ein Kind behandelt werden will, der sollte sich nicht wie ein Student Kind benehmen. Der Leser ist gefordert. Es mag sein, dass er hier Dinge erlernt, die der eigenen Wahrnehmung auch etablierter Medien zum Vorteil gereichen.
