Gegen die Wand
Jörg-Olaf Schäfers beleuchtet in “Die Sache mit den Schlagzeilen” die Entwicklung der öffentlichen Wahrnehmung zur unendlichen Geschichte StudiVZ. Thema des Monats innerhalb der in ihrem Einfluss überschätzten Blogosphäre zu sein, ist die eine (im vorliegenden Fall unschöne) Sache, auch vereinzelte Artikel zu Datenschutzproblemen und Sicherheitslücken lassen sich verkraften, so sie in eher engmaschig zielgruppenden Publikationen erscheinen. Problematischer hingegen ist es, mit Passagen wie der folgenden im reichweitenstarken Nachrichtenmainstream aufzutauchen:
Schließlich berichtet auch Spiegel Online über Sex-Stalker im Studentennetz sowie umstrittene Geschäftspraktiken, Zweifel am Datenschutz, dubiose Nazi-Witze und unflätige Videos. Die bloggenden Netzbürger stellen sich derweil immer häufiger die Frage, ob das junge Berliner Startup an den immer schneller veröffentlichten Schlagzeilen zerbricht oder der stürmischen See trotzen kann. Zumindest Don Alphonso, Mitautor der Blogbar und Rebell ohne Markt, macht aus seinen Intentionen gewohnt martialisch keinen Hehl: er würde dem aktuellen Objekt seiner Obsession am liebsten selbst die letzte Kugel verabreichen.
Das Unternehmen StudiVZ steht folgerichtig unter einigem Zugzwang und versucht es auf dem firmeneigenen Blog mit der lange vermissten Transparenz - bisher waren hier eher unbeholfene Beschwichtigungen und Ablenkungsmanöver zu finden, Nebelkerzen, die nicht zündeten. Während der wandelnde PR-GAU Ehssan Dariani von der externen Unternehmenskommunikation entbunden scheint, versucht man es in Berlin nun mit einem eigens abgestellten Datenschutzbeauftragen und möchte mit der Community einen gemeinsamen Verhaltenskodex erstellen.
Doch wohin man dieser Tage in Berlin tritt: Fettnäpfchen allerorten. “Meldet uns XSS- und CSRF-Lücken”, bittet man die “lieben Lückensucher” und gibt damit die eigene Produktiv-Plattform mitsamt ihres Bestandes an Millionen von persönlichen Datensätzen offiziell zum Abschuß frei. 256 Euro pro erfolgreichem Penetrationstest sind versprochen, mittlerweile scheint selbst internationale Hilfe für den Ernstfall bereit zu stehen - mancherorts verleibt da nichts als schlichte Fassungslosigkeit.
Ob verlorenes Vertrauen auf diesem Weg zurück gewonnen werden kann, darf bezweifelt werden. Auch wenn in den Hallräumen des Netzes vieles heißer gekocht als gegessen wird und nicht jede neu entdeckte Sicherheitslücke sofort den herbeigesehnten Skandal für’s eigene Blog generiert, so überrascht die massive Unprofessionalität der handelnden Sozialnetzwerker doch immer und immer wieder. Die bisher erworbene Nutzerbasis von rund einer Millionen Mitgliedern ist das Kapital, mit dem das Unternehmen StudiVZ noch wuchern kann - doch eine Abmeldung ist nur einen Mausklick entfernt. Sollte dieses Kapital am Ende wirklich verspielt werden? Ich mag es nicht ganz glauben, die Beteiligten haben den “Point of no Return” schließlich schon längst hinter sich gelassen. Man bleibt zum Erfolg verdammt, ohne Rücksicht auf (persönliche) Verluste. Risikokapitalgeber Holtzbrinck macht hier eine klare Ansage: “Die Probleme stehen im Mittelpunkt, nicht das Personal”.
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