Google und der Masterplan
Ende der 90er Jahre begann Google, sich als bessere Alternative bei den damals noch nicht so zahlreichen - doch sich sprunghaft mehrenden - Netzbürgern durchzusetzen. Der von Larry Page und Sergey Brin an der Stanford University entwickelte PageRank-Algorithmus war ein gewichtiger Grund für diese (in den irren Zeiten des Webs nicht ganz ohne Beispiel gebliebene) Erfolgsgeschichte, eine aufgeräumte und vor allem werbefreie Suchseite ein weiterer. Nicht zuletzt jedoch sorgte auch der moralische Anspruch als bewußt kommuniziertes Markenmerkmal für treue Anhänger - “Don’t be evil”.
Mittlerweile ist Google Marktführer, nicht mehr alternativ, sondern Mainstream an sich: Das Unternehmen lenkt mit einem Marktanteil von weit über 40% - der nächste Konkurrent Yahoo liegt bei unter 30% - täglich den größten Brocken der weltweiten Besucherströme durch das World Wide Web, es besitzt mit dem frühen Aufkauf von Deja News darüber hinaus eines der größten und wertvollsten Archive der Netzkultur überhaupt. Erst vor kurzem schluckte der Suchmaschinenbetreiber für 1.65 Milliarden US-Dollar das führende Internet-Videoportal YouTube. Etwas günstiger dürfte dagegen der Aufkauf der Unternehmen KeyHole und SketchUp gewesen sein, den meisten Nutzern bekannt und dargereicht in Form von Google Earth.
Das zugkräftige Image des guten Riesen jedoch hat Google bei vielen kritischen Nutzern eingebüßt - der Begriff der Datenkrake machte die Runde. Zu groß scheint der Hunger des Unternehmens, das immerhin 99% Prozent seines Umsatzes mit (meist kontextsensitiver) Werbung erwirtschaftet, nach personalisierten oder personalisierbaren Informationen. Zensur- und Kollaborationsvorwürfe, oft mit Bezug auf die Zusammenarbeit mit den chinesischen Machthabern, trafen den ideellen Kern des Unternehmens. Regionale Gesetzgebungen erfordern immer häufiger einen Tribut, den Google bisher mit Blick auf Marktanteile immer wieder zu zahlen bereit war. Kann sich ein börsenorientiertes Unternehmen ein “don’t be evil” auf Dauer womöglich garnicht leisten?
Regelmäßig werfen die Entwicklungslabore der Kalifornier neue Anwendungen auf den Markt, die in aller Regel clever gemacht einen gewitzten Mehrwert bieten und für den Nutzer kostenlos sind. Doch Dienste wie GMail und Orkut aggregieren Unmengen persönlicher Daten, eigene News-, Video- und Feedservices laden zum fröhlichen Profiling der Nutzergewohnheiten ein, die eigene dominante Suchmaschinerie samt ihrer angeschlossenen Werbe- und Trackingtechnologien schließlich birgt damit verbunden ein Potential, das sich nur all zu leicht mißbrauchen läßt. Eine Konzentration, die Begehren auf allen Seiten weckt und schon deshalb kritisch zu hinterfragen ist. Folgt der Kartographierung unseres Planeten nun die des menschlichen Genoms?
“What do you think? Does Google really worry about our privacy?” - Ozan Halici und Jürgen Mayer von der Hochschule Ulm visualisieren gekonnt ihre Bedenken: Stein für Stein wird der Master Plan erstellt. Nicht die erste, (düstere) Zukunftsvision.

