Der Frosch im Wasser
Eine nun schon häufiger wahrgenommene Reaktion auf den Bundestrojaner ist das Verneinen der aktuellen Machbarkeit eines solchen “Projektes” - gerne wird daraus dann ein gewisses Unverständnis für die derzeit angeblich herrschende Hysterie abgeleitet. Etwas kurz gedacht, wie ich finde, denn wo nichts ist, können Fakten geschaffen werden.
Ein weniger spektakulärer Vergleich aus dem Alltag: Der technisch wirkungsvolle Kopierschutz für CDs und DVDs lässt auch heute noch auf sich warten, die entsprechende Rahmengesetzgebung jedoch macht schon das Umgehen von einfachsten Vorkehrungen, die bestenfalls zum Alibi taugen, strafbar. Natürlich interessiert das professionelle Raubritter wenig, die Gängelung selbst spürt meist nur der ehrliche Kunde.
Erinnern wir uns an die Diskussionen zur Hinterlegungspflicht von Kryptoschlüsseln und daran, wie rasant sich der Wert unserer Gesetze und der unserer Verfassung dem ihres papiernen Mediums annähern. Eine Legislative, die den Bürger unter Zwang zum offenen oder zumindest zum öffnenden Buch macht, ist mit Blick auf das bereits diskutierte denkbar. Und natürlich werden wieder weniger die öffentlich anvisierten als viel mehr der zu kontrollierende Untertan im tatsächlichen Fokus dieser Maßnahmen stehen.
Nein, eine Hysterie wäre allenfalls einer offenbar immer breiter vorherrschenden Gesinnung nachvollziehbar geschuldet, die solche Gedankenspiele ein ums andere Mal als Testballon steigen läßt. Probleme, die aktuell auf technischer oder juristischer Seite eine vollkommene Realisierung mancher Überwachungsphantasien verhindern, beruhigen mich da wenig. Das kann man ändern, langsam, schleichend, Schritt für Schritt, und von vielen fast unbemerkt.

tante
9 Feb 2007
Worin ich Dir nicht zustimme ist die Klassifikation der “Massenmeinung” als Hysterie. Sicherlich ist die ganze Sache größtenteils in diffuser Angst und Unwissenheit begründet, doch nach meinem Eindruck sind die Leute nicht hysterisch.
Natürlich kommen immer die Totschlagargumente “Terroristen” und “Kinderpornogucker” und sicherlich kocht das die Stimmung bei einigen hoch, aber in der breiten Masse nehme ich eher Gleichgültigkeit wahr. Formulierungen wie “Wer nix zu verbergen hat, braucht ja auch keine Angst zu haben” drücken für mich genau das aus.
Die Leute sind nicht in hysterischer Panik sondern eher in einem diffusen Stadium direkt unterhalb der Angstgrenze - und das gewollt. Die Leute haben genug Angst, dass sie alles rechtfertigen, sind aber noch klar genug, um nicht in blindem Aktionismus Menschen anzuzünden, und in genau diesem Zustand kann man Leute sehr lange halten.
Jens
9 Feb 2007
Eventuell kam das etwas zu undeutlich heraus, ich hab’s kursiv noch etwas verfeinert. Ansonsten trifft deine Zustandsbeschreibung besonders mit dem Wörtchen “diffus” recht genau, denke ich.