Jürgens Whiskytasting
Ein wirklich eindrucksvolles Whiskytasting bescherte uns am vergangenen Freitag mein Arbeitskollege Jürgen, der mir damit auf seiner Gartenterasse erstmalig auch einen kleinen Einblick in einen Teil seiner sagenumwobenen Sammlung erlesener Tropfen schenkte. Den Erhalt der recht eindeutigen Beweisfotos möchte ich für eine kleine Zusammenfassung nutzen.

Los ging’s - zum Abbau oder zur Verfestigung diverser Vorurteile - mit drei Bourbon Whiskey, die mich zwar nicht zum Liebhaber maisiger Maische bekehren konnten, aber besänftigend belegten, dass auch ein Bourbon durchaus genießbar sein kann. Nach einer außergewöhnlich jungen Privatabfüllung irischen Single Malts waren die Geschmacksnerven für den Rest des Abends hinreichend kalibriert, ein lautstarkes Ständchen auf der Great Highland Bagpipe des sonst eher als Meister des australischen Blasrohrs bekannten Mandelbrötchens zeigte - auch ohne den sträflich vernachlässigten Schottenrock - unüberhörbar die weitere Richtung an.
Ein klarer Höhepunkt des nun folgenden, schottischen Spektakels war die spannende Reise durch die bewegte Geschichte der Ardbeg-Destillerie, angefangen vom sechs Jahre alten, ungestümen Ardbeg Very Young über den etwas weniger kantigen Ardbeg Ten, um nach einem Ardbeg 1977 und dem Lord of the Isles bei den älteren und ältesten Semestern, einem Ardbeg 1975 und dem 30 Jahre alten Ardbeg Very Old zu landen. Es erstaunte, wie deutlich die Vertreter aus Islay über Jahrzehnte ihren unverwechselbaren Charakter konsistent halten konnten, meinte man beim Vergleich der 16 Jahre alten Bowmores zwischen Mackillop’s Single Cask und der Standardabfüllung doch beinahe, zwei gänzlich unterschiedliche Malts vor sich zu haben.
Doch auch andere Erlebnisse bleiben in Erinnerung: Der interessante Vergleich dreier Bruichladdichs (einer weiteren Destillerie mit wechselhafter Vergangenheit), die Probe eines im Weinfass gereiften Whiskies und natürlich Jürgens lehrreiches Privatexperiment “Entwicklung eines Whiskies zwanzig Jahre nach Flaschenöffnung”. Das Ergebnis der schon zu Studienzeiten gestarteten Erhebung allerdings ist ernüchternd: Allzuviel bleibt nicht übrig von Volumen und Geschmack.
Eine fast schon weihnachtliche Hochstimmung kam mit den beiden Caol Ilas auf, die fachkundig Mackillops Fassauswahl entstammten; ist schon der 16jährige bei etwas mehr Zurückhaltung ein wirklich grosser Whisky, so zeigt der 1979er ein ums andere Mal, warum er bisher den ersten Platz meiner kleinen Privatrangliste als unangefochtener Liebling immer wieder verteidigen konnte.
Der Vollständigkeit halber der komplette Überblick über die freitäglichen Gaumenfreuden (danke für die Liste, Jürgen!):
- Basil Hayden’s, Kentucky Straight Bourbon Whiskey, 8 Jahre, 40%
- Blanton’s, OA, Blanton’s Kentucky Straight Bourbon Whiskey, Edition Süddeutsche Zeitung Magazin, abgefüllt 2006, 51,5%, Fass 548
- George T. Stagg, OA, Kentucky Straight Bourbon Whiskey, 65,5%
- Cooley Privatabfüllung, Irish Single Malt, 2002-2005, Fass 365
- Benriach, Mackillop’s Choice, Cask Strength, Speyside, 1987-2005, 55,7%
- Benriach, Single Malts of Scotland, Speyside, 1984-2006, 56,7%, Fass 490/514
- Bowmore, OA, Islay, 1989-2005, 51,8%
- Bowmore, Mackillop’s Choice, Cask Strength, Islay, 1989-2005, 59,9%
- Bowmore, OA, Darkest, Islay, 43%
- Bunnahabhain, OA, Islay, 12 Jahre, 43%
- Bruichladdich, Privatabfüllung, Islay, 1993-2004
- Bruichladdich, OA, Mòine Mhòr - 3D - 2nd edition, Islay, 50%
- Bruichladdich, OA, Legacy Series One, Islay, 1966-2002, 40,6%
- Chivas Brothers, Royal Salute, Blend, 21 Jahre 40%
- Caol Ila, Mackillop’s Choice, Cask Strength, Islay, 1990-2006, 43%
- Caol Ila, Mackillop’s Choice, Cask Strength, Islay, 1979-2006, 60,4%
- Ardbeg, OA, Very Young, Islay, 1998-2004, 58,3%
- Ardbeg, OA, Ten, Islay, 10 Jahre, 46%
- Ardbeg, OA, 1977, Islay, destilliert 1977, 46%
- Ardbeg, OA, Lord of the Isles, Islay, 25 Jahre, 46%
- Ardbeg, OA, 1975, Islay, 1975-1998, 43%
- Ardbeg, OA, Very Old Ardbeg, Islay, 30 Jahre, 40%
- Lagavulin, OA, Islay, 16 Jahre, 43%
- Highland Park, OA, Orkney Islands, 18 Jahre, 43%
- Balvenie, OA, DoubleWood, Speyside, 12 Jahre, 43%
Ohne alles Wunderbare dieses Abends erwähnt zu haben, bleibt ein grosses Dankeschön an die umwerfende Gastfreundlichkeit Jürgens und seiner Frau Gaja, die selbst zu später Stunde die nicht mehr ganz fahrtüchtigen Mannen großzügig nach Hause und an den Bahnhof brachte.
Es folgte eine kleine Anekdote, innerhalb derer zwei ermattete Fahrgäste der S-Bahn Heidelberg-Mannheim den verlebten Abend mit Blick auf dessen körperliche Nebenwirkungen rekapitulierten: “Wirklich jünger macht einen ein solches Tasting nun aber wirklich nicht...” - “Jünger vielleicht nicht, aber glücklicher!”. Sprachen sie und lächelten milde und zufrieden.

Armin
6 Mai 2007
Der soll wohl zuerst in einer Sonderausgabe herauskommen: eine 4,5l Flasche, 50 cm hoch soweit ich mich entsinnen kann ;-)
Jens
9 Mai 2007
Vielen Dank übrigens für den Link auf Dein Islay-Blog - wenn einen das Fernweh mal wieder packt...