/* basquiat's lovely winter riot */: a unique and beautiful snowflake in your heart's lovely winter riot

Geruchskonserven

Erst vor Kurzem las ich während meiner Pendelminuten von Mannheim nach Heidelberg und zurück Timothy Garton Ashs autobiographische Erzählung “Die Akte Romeo”.

Im Sommer 1978 nach Westberlin gereist, zog Timothy Garton Ash 1980 im Rahmen eines Forschungsstipendiums der Humboldt-Universität nach Ostberin - und erweckte dort “als Mitglied der bürgerlichen Intelligenz mit liberal-humanistischer Ausbildung und liberal-demokratischer Einstellung” - so die aktenkundige und durch den Betroffenen als durchaus zutreffend anerkannte Einschätzung - schnell das Interesse des ostdeutschen Spitzelapparates. Nur kurze Zeit darauf jedoch machte ihn der Abdruck eines kritischen Buches über die damalige DDR als Serie im westdeutschen Spiegel zum reaktionären Konterrevolutionär; er wurde des Landes verwiesen.

Timothy Garton Ash erhält nach dem Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus im Arbeiter- und Bauernstaat Einblick in seine - mit etwas über 300 Seiten verhältnismäßig schmalbrüstige - Stasiakte. Das Schreiben eines Tagebuchs in den relevanten Jahren seiner Observierung erlaubte es Ash, mehr als zehn Jahre später die minutiösen und formalbürokratisch angestaubten Textwüsten der Staatssicherheitsbediensteten mit eigenen Erinnerungen und Sichtweisen in Einklang zu bringen und zu rekonstruieren. Ash besucht seine damaligen Schatten, konfrontiert und urteilt vorsichtig.

Die Auswüchse des monströsen Überwachungsapparates der Staatssicherheit erscheinen an vielen Stellen des Buches als eine unwirkliche Art Geisteskrankheit, als ein fernab jeder Relationen selbstlaufend abgekoppelter Wahnsinn. Geradezu surrealistisch muten Passagen wie die folgende an, welche Ashs erste Eindrücke in den seltsam zeitlosen Fluren der Gauckbehörde schildern:

Auf dem Tisch in diesem Raum steht etwas, das aussieht wie Marmeladengläser. Jedes Glas trägt ein sauber beschriftetes Etikett und enthält ein kleines Stück schmutziggelben Baumwollkord. Das sind Proben von individuellen Körpergerüchen, die man genommen hatte, damit im Bedarfsfall Spürhunde auf den Geruch angesetzt werden konnten. Nach dem Stasi-Wörterbuch lautete die korrekte Bezeichnung dafür »Geruchskonserve«. Ich stehe dort und denke: Vielleicht ist irgendwo in diesem riesigen Gebäude mein eigener vergangener Geruch noch immer wie Marmelade konserviert?

Nur wenige Tage später holt mich die Realität ein, spielt die bundesrepublikanische Bundesanwaltschaft Stasi, gedeckt und bestärkt von den üblichen Verfassungsfeinden. Das hohlphrasierende Dummbubengesicht Pofallas schwadroniert währenddessen wirklichkeitsresistent, dass »ein Bundestagsvizepräsident, der Ermittlungen in unserem Rechtsstaat mit Stasi-Methoden vergleicht, [...] in diesem Amt fehl am Platz« sei. Es gehöre schon eine besondere Menge Arschloch dazu, solch eine Aussage zu tätigen, meint denn auch Fefe mit Blick auf Thierses Biographie trocken. Der stellvertretende Chefredakteur des Stern, Hans-Ulrich Jörges, findet kaum weniger deutliche Worte:

Die Polizei nimmt Geruchsproben von G8 Gegnern - was ist eigentlich los in dem Land? Natürlich erinnert das an Stasimethoden. Die Stasi hat das erfunden, und das kann man heute in einem Stasimuseum auch noch besichtigen: da stehen diese Geruchsproben noch rum! Für mich spricht daraus der monströse Wahn einer Diktatur. Und dass in einem demokratischen System Verantwortungsträger nicht erkennen, welche Paralleleln sie da herstellen, das macht mich bestürzt.

Ich hab den Eindruck, dass die Sicherheitsorgane dabei sind durchzudrehen, jedenfalls knallen immer mehr Sicherungen durch: Terrorvorwürfe, Razzien, ein erschreckender Metallzaun um Heiligendamm herum gezogen, kilometerweite Sicherheitszonen, Kriegsschiffe auf der See, Straßensperren und nun auch noch Geruchsproben gegen Demonstranten. Es wird nun Zeit für einen Aufstand gegen den Sicherheitswahn.

Der Staat selbst liefert doch das Feindbild Staat - und zwar auf die schönste Weise mit den schönsten Begründungen, siehe Geruchsproben und Stasierinnerungen. Man riecht das ja, um im Bild zu bleiben, was sich da anbahnt auf staatlicher Seite. Diesen durchgeknallten Staat müssen wir verhindern und dem müssen wir als Medien auch Grenzen setzen. Ich bin jedenfalls dazu entschlossen.

Derweil filzt die Polizei systematisch die Post von vermeintlichen G-8-Kritikern und drängt Betreiber von Internet-Cafes, Videokameras zur Bespiztelung zu installieren. Parallelen? Ein Schelm...

(Mit Dank an Nerdcore für das Trankskript)

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