/* basquiat's lovely winter riot */: a unique and beautiful snowflake in your heart's lovely winter riot

Heilslehren an deutschen Schulen: Pro-Reli

Argumente gegen eine an staatlichen Schulen durch kirchliche Protagonisten verbreitete Heilslehre als ordentliches Schulfach tat ich schon vor über vier Jahren in “Glaubenssache” und “Einseitigkeiten” kund, dachte, man könne es dabei belassen und dem Lauf der Dinge mit felsenfestem Glauben an einen aufgeklärten Geist harren - doch weit gefehlt. Kurz vor dem hauptstädtischen Plebiszit beziehen die Glaubenskrieger selbst in den hiesigen Lokalblättern der weit abgelegenen Metropolregion ihre Position, als hätte es die Entwicklung zum säkularen Staatsgebilde nie gegeben. Dabei ist doch von einem Abschaffen des Religionsunterrichtes nirgends die Rede.

»Rote Angst« phantasiert ein Schreiber des Mannheimer Morgens in die Haltung des Berliner Senats und beweist alleine schon im Stil seiner Ausführungen, warum es für mehr wohl nie gereicht hatte:

Dabei liegt es nahe, das Grundgesetz umzusetzen, das Religionsunterricht zum ordentlichen Lehrfach bestimmt - anstatt zur bloßen Nachmittags-AG. Der Verein “Pro Ethik” müsste “Anti Religion” heißen. Er blendet etwa aus, welche für das Gemeinwesen grundlegenden Werte das Christentum verkündet. Und er übersieht, dass ein Islam-Unterricht an staatlichen Schulen die Kinder aus den Hinterhöfen zu holen hilft - ein wesentlicher Beitrag zur Integration.

Wiederholt möchte ich entgegnen: Es existiert kaum ein einleuchtendes Argument, warum staatliche Schulen die dogmatische Verbreitung irgendwelcher Heilslehren fördern sollten, im Gegenteil. Aufgabe einer modernen Bildungspolitik muß neben dem Vermitteln bloßer Fakten und Fähigkeiten die Formung eines kritischen Geistes sein, der breit informiert aus einem fundierten Wissen heraus Schlüsse ziehen und aus bekannten Alternativen wirklich frei wählen kann - ganz unbenommen, ob das spätere Ergebnis dieser individuellen Entscheidung dann weltlicher oder religiöser Natur sein wird.

So spricht also einiges für den neutralen Werteunterricht, der die Vielfalt der verschiedenen Religionen beleuchtet und darüberhinaus auch philosophische Weltbilder abseits klerikaler Verklärung bietet, wenig dagegen für eine durch die Protagonisten der einzelnen Religionen gesteuerte Einseitigkeit. Integration schliesslich fängt mit dem Wissen um die eigene Herkunft an und ist mit dem unabdingbaren Verständnis anderer Kulturen, Religionen und Denkweisen noch lange nicht am Ziel.

Doch der Mannheimer Morgen berichtet weiter tendenziös:

Der Regierungschef und sein rot-roter Senat haben allen Schülern zwischen der 7. und 10. Klasse Ethik als Pflichtfach verordnet - mit der Folge, dass der freiwillige Religionsunterricht häufig in die späten Nachmittagsstunden fällt und entsprechend schlecht angenommen wird. Wowereit allerdings stört das nicht: “Wenn die Eltern es schaffen, ihre Kinder zum Ballettunterricht zu bringen”, sagt er schnoddrig, “dann werden sie es wohl noch schaffen, dass sie aus Überzeugung zu ihrem Glauben stehen und in den Religionsunterricht gehen.”

Was ist so entsetzlich falsch daran?

Inspiriert von Spreeblick und Kris.

5223 Klicks
  • Keine Frage, dass ich da vollends mit dir überein gehe, Brüderchen. Religionsunterricht an staatlichen Schulen kann in einem weltlich orientierten Staat nicht zum ordentlichen Pflichtunterricht gehören. Der Ethikunterricht ist zweifelsohne in seiner ideologischen Unabhängigkeit und seiner Offenheit für die Einbeziehung unterschiedlichster Denkweisen und Perspektiven das richtige Gefäß um grundlegende Werte nicht nur einfach zu vermitteln, sondern auch um das kritische Hinterfragen und Begreifen derselben in der Diskussion zu fördern.

    Wenn Eltern ihre Sprößlinge unbedingt vorab in Richtung bestimmter religiöser Weltanschauungen lenken und ihnen die freie Entscheidung vorweg nehmen wollen, dann ist das eine Wahl, die man ihnen persönlich lassen muss. Insofern sollte es ihnen frei stehen freiwillige Angebote in dieser Beziehung wahr zu nehmen, wie es nun in Berlin umgesetzt wurde. Denn der Standard einer schulischen Ausbildung sollte sich daran orientieren, dem Heranwachsenden das Rüstzeug zur mündigen und eigenständigen Entscheidung mitzugeben auf Basis allgemein gesellschaftlich anerkannten Wissens und bestem Gewissens. Also geht es um die Vermittlung nicht eines Glaubens, sondern der Fähigkeit sich für einen oder gegen einen auf Grund eigenständiger Überlegungen entscheiden zu können.

    Warum die wiederholte Abbildung der ideologischen Differenz zwischen Islam und Christentum in der Trennung durch separate Religionsunterrichte der Integration zu Gute kommt, erschließt sich mir nicht wirklich. Ebenso wenig wie, warum islamische Kinder grundsätzlich erstmal aus «Hinterhöfen» geholt werden müssen.
  • “[...] warum islamische Kinder grundsätzlich erstmal aus «Hinterhöfen» geholt werden müssen [...] erschließt sich mir nicht wirklich.”

    Schön, dass du dieses Zeugnis kulturell leitbildenden Selbstverständnisses so klar entschälen konntest - was ich versäumt hatte - sagt es doch viel über jene aus, die es teilen.
  • Die Initiative dürfte mindestens dazu geführt haben, dass eine größere Zahl an Unterstützerinnen und Unterstützern gelernt hat, wie sehr eine finanziell starke Unterstützung dem Anliegen für einen Volksentscheid helfen kann.

    Ich möchte die Helferinnen und Helfer dazu aufrufen, sich auch in einem Folgeprojekt zu betätigen. Unterstützt “Pro Astro” - die freie Wahl zwischen Astrologie und Mathematik. Für die Freiheit! Pro Astro!
  • @Pro Astro: Löblich, löblich, doch ob ein solches Folgeprojekt von Erfolg gekrönt sein kann, steht wohl in den Sternen. ;-)
Umschließende Sterne heben ein Wort hervor (*wort*), per _wort_ kann ein Wort unterstrichen werden.
Die angegebene E-Mail-Adresse wird nicht dargestellt, sondern nur für eventuelle Benachrichtigungen verwendet.
BBCode-Formatierung erlaubt

Trackbacks / Pingbacks