Der Stein des Anstosses
Dennoch gibt dieser für die Berliner Betreiber offenbar notwendig gewordene Schritt Anlass und Zeit zum Nachdenken. Es steht ausser Frage, dass die Arbeit der Administatoren an der FU ihr Geld wert ist und auch schon in der Vergangenheit wert gewesen wäre. Das Problem ist anders gelagert: Das Medium selbst stellt sich in Frage. Ganz so weit wie Kristian Köhntopp, der in seinem Blog seinen Abschied aus dem Usenet bekannt gibt, möchte ich nicht gehen. Meine Beiträge dort beschränkten sich schon von jeher mehr auf das selektive Lurken denn auf eine nennenswerte Teilnahme an irgendeiner, wie auch immer gearteten, Community. Vielleicht kann ich gerade dieser Distanziertheit wegen weniger nostalgisch auf die Entwicklung des Usenets der letzten Jahre zurück blicken. Jahre, in denen es nicht gelang, die nachwachsenden Nestbeschmutzer Netzbenutzer in gewachsene Strukturen zu integrieren. Der sinnbildliche September lässt grüßen. Fronten verhärteten, Traditionen wurden zum Selbstzweck. Wenn Altersstarrsinn auf spätpubertäres Revoluzzertum trifft, kommt meist wenig mehr als der tausendste Endlosthread zum immer gleichen Thema zig Mal wiedergekäut hinten raus. Ohne das Scoring mit der Axt ist die Signal-To-Noise-Ratio kaum noch in ertäglichen Maßen zu halten, viele Gruppen erinnern mehr an einen Kampf hoffnungslos übersteigerter Egos denn an eine Kommunikation unter Gleichgesinnten.
Manche Gruppen werde ich ungeachtet all dieser Einschränkungen hin und wieder weiter verfolgen, gut gefiltert und mit einem wachen Auge auf die vielen Schreiberlinge dort, von denen ich lesend lernen durfte. Ob mir das einen kostenpflichtigen Zugang wert ist? Eine Frage, die sich so kaum stellt, ist die Bezahlung des moderaten Nutzungsentgeldes doch offensichtlich nur über Firstgate möglich. Wider jede Heuchelei: Auch bei Verfügbarkeit von mir bevorzugter Zahlungsmethoden denke ich nicht, für die aus eigenem Antrieb heraus sehr eingeschränkte Nutzung dieses Dienstes Geld investieren zu wollen - hier tut es für seltenere Besuche auch der Server des eigenen Providers. Trotzdem gilt mein Dank und mein Respekt der Arbeit der Berliner Newsgarde, die nicht Grund, aber Stein des Anstosses waren, an dieser Stelle über bisher Unreflektiertes nachzudenken.
Ein weiterer, wie üblich interessanter Ansatz kommt von Kai: Es geht ihm ebenfalls kaum um die jährlichen 10 Euro, vielmehr stellt er die Frage in den Raum, warum unter Zwang eingetriebene GEZ Gebühren für nie nachgefragte Webauftritte der Öffentlich-Rechtlichen und Millionen für “mieserable Portale” wie das unserer Arbeitsagentur zur Verfügung stehen, ein providerunabhängiger Usenetzugang zur demokratischen Meinungs- und Willensbildung aber offenbar keiner Subvention würdig ist.
Weitere Diskussionen darüber finden ausser in der Blogosphäre - wenig verwunderlich - auch im Usenet statt. Man beschäftigt sich eben allerorten am liebsten mit sich selbst. ;-)
Nachtrag:
Ja, auch ich finde Forensysteme als Kommunikationsplattform grausam und denkbar ungeeignet. Am heimeligsten fühle ich mich derzeit in diversen Mailinglisten, die nicht immer frei von einer ähnlichen Symptomatik sind, im Krankheitsverlauf aber oft sehr viel schneller regenerieren. Konzeptuell könnte das Usenet überzeugen - nur eben ohne Menschen. Ein fehlgeschlagenes Experiment?



