Um mir eine kurze Erholungspause vom Lernen auf diverse, anstehende Klausuren zu gönnen, lud ich mir gestern Abend den freien und quelloffenen 3D-Ego-Shooter
Nexuiz für ein kurzweiliges Spielchen herunter. Grafik, Geräuschkulisse und Gameplay gefielen auf Anhieb, dennoch konnte von Erholung keine Rede sein. Schon nach etwa zwanzig Minuten fröhlicher Ballerei überkam mich eine heftige, körperliche Übelkeit, deretwegen ich umgehend das Spielen einstellte. Ein leichtes Schwindelgefühl, gepaart mit eigenem Unwohlsein, hatte ich an mir schon früher häufig nach kurzem Gebrauch von Ego-Shootern beobachten können, doch dieses Mal war ich nahe daran, mich zu übergeben. Eigenartigerweise habe ich mit nicht weniger rasanten Rennsimulationen wie “Wipeout” oder “Burnout 3” keinerlei Probleme.
Die erste Informationsquelle eines jeden beunruhigten Geeks ist natürlich Google, und wenig überraschend wurde ich sofort in einem Forum fündig, in dem verschiedene, wohl leidenschaftliche Spieler über ähnliche Erfahrungen berichteten:
“Ich spiele schon seit graumer Zeit auf dem PC, und bei manchen Spielen wird mir beinahe kotzübel - kein Scherz. Zum ersten Mal habe ich es bei, kennt ihr diese Spiel überhaupt noch, Wolf 3D gehabt? Nach 30 Minuten Spielzeit konnte ich nicht mehr, totale Übelkeit. [...] ich bin kein Epileptiker oder sowas, aber nach ca. 90 Minuten oder so muss ich aufhören, weil mir den Magen umdreht.”
“Abend allerseits, mein erster Beitrag hier, habe mich vor 5 Minuten angemeldet Dieser Thread ist mir aufgefallen, als ich nach ”Übelkeit Spielen“ gegoogelt habe... [...] Ich leide ebenfalls unter einer totalen Kotz-Übelkeit bei bestimmten PC-Spielen, z.B. Call of Duty, Half-Life 2 --> bei denen beiden ist es extrem. Bin eben bei Half-Life 2 mal wieder über mein körperliches Limit gegangen. Zum Glück stand ein Eimer neben mir. Die Spiele HL² und CoD sind wirklich die schlimmsten. Da ist mir nach einer Viertelstunde übel... 10 Minuten später Schweißausbrüche, nach 45 Minuten ko***.”
“Ich hatte das gleiche Problem bei bestimmten Spielen. Das erste Mal fiel es mir bei den ersten id Spielen auf (Doom, Wolfenstein, etc.). Schon nach kurzer Zeit wurde mir speiübel. Alles hat sich gedreht und ich dachte, gleich kommt alles hoch. Dann hab ich davon Abstand genommen und eine Weile darauf verzichtet. Später hab ich mich wieder ran getraut. Hab dann mit Halflife und CS weitergemacht und siehe da, die Probleme waren auf einmal weg. Habe dann aber wieder aus Neugier Doom herausgekramt und wäre beinahe wieder vom Stuhl gefallen, so schlecht wurde mir wieder. Medal Of Honor oder Call Of Duty bereiten mir aber auch keine Probleme. Auch die neuen wie Doom 3 oder HL 2 sind problemlos.”
Nun gut - ich stand also nicht alleine mit meinem Problem da. Aber worin lag dessen Ursache? Da mir dieses Phänomen schon länger bekannt war, und auch Dinge wie das Lesen von Büchern in fahrenden Autos bei mir schnell Übelkeit aufkommen lassen, recherchierte ich ein wenig und fand einen interessanten Artikel auf den Seiten der TU Berlin, der sich sehr ausführlich diesem Problem widmet. Ich empfehle allen Interessierten, den Originalartikel seiner aufschlussreichen Erklärungen und spannenden Hintergrundinformationen wegen im vollen Wortlaut zu lesen. Hier Auszüge:
Das Phänomen der Simulator Sickness ist im Bereich der klassischen Virtual Reality Anwendungen schon seit längerem bekannt. Neu ist, daß mit zunehmendem Realitätsgrad in Computerspielen Spieler ähnliche Symptome zeigen. Der vorliegende Artikel beschäftigt sich mit diesem neuen Phänomen - “Gaming Sickness”. [...]
Das Phänomen der Simulator Sickness ist dem der Motion Sickness sehr ähnlich. Außerdem hat sich herausgestellt, daß Personen, die anfällig für Motion Sickness sind auch anfällig für Simulator Sickness sind und umgekehrt. [...] Statistisch gesehen sind achtzig Prozent aller Menschen anfällig für Motion Sickness. Symptome der Motion Sickness sind meist Übelkeit, Schwindelgefühle, Kopfschmerzen oder das Gefühl der Selbstbewegung. Ein klassisches Beispiel für Motion Sickness ist die Seekrankheit. Darüberhinaus erfahren viele Menschen ähnliche Symptome beim Fliegen oder beim Lesen während einer Autofahrt. [...]
Die Symptome von Simulator Sickness entsprechen denen von Motion Sickness, dennoch handelt es sich um zwei verschiedene Effekte. Motion Sickness wird durch den Einfluß von Bewegung erzeugt und deshalb kann in Simulatoren, die sich bewegen, tatsächlich Motion Sickness auftreten. Viele Simulatoren, die den Benutzer keiner Bewegung aussetzen erzeugen aber trotzdem Übelkeit, die allein durch visuelle Stimulation erzeugt wird. [...] Zur Zeit gibt es kein Modell, das die Entstehung von Simulator Sickness vollständig beschreibt. Jedoch gibt es einige Theorien, wobei sich die bekannteste auf Unterschiede in den Sinneseindrücken zur Position und Bewegung des Körpers stützt. Im Allgemeinen wird diese Theorie “Cue Conflict”-Theorie genannt. [...]
Ein Konflikt tritt dann auf, wenn Diskrepanzen zwischen den Eindrücken verschiedener Sinne auftreten. Die Wurzel des Übels scheint im Fall von Simulator Sickness vor allem der visuelle Sinn bzw. das vestibuläre Organ zu sein. In einem unbeweglichen Simulator registriert das visuelle System eine Bewegung während das Gleichgewichtsorgan keine Bewegung wahrnimmt. Es entsteht also ein “Cue-Conflict”. [...] Die “Cue-Conflict”-Theorie stellt also eine Erklärung für das Auftreten von Übelkeit dar, die in Situationen auftritt, in denen ein Konflikt zwischen verschiedenen Sinneseindrücken ensteht. Man kann also mit dieser Theorie nur auf eine Diskrepanz in den Sinneseindrücken schließen, wenn die Symptome schon aufgetreten sind. Nochdazu gibt sie keine Erklärung dafür, warum aus einem Sinneskonflikt überhaupt Übelkeit entsteht. [...]
Es gibt derzeit keine Zahlen, wie groß der Anteil der Spieler ist, die anfällig für Gaming Sickness sind. Allerdings geht aus militärischen Studien hervor, daß 20-40% aller getesteten Piloten Symptome von Simulator Sickness zeigten. Diese Studien beziehen sich zwar auf immersive Simulatoren, da aber auch Spiele zunehmend immersiver werden, lassen sich diese Ergebnisse bedingt übertragen. Piloten sind allerdings bereits an Simulatoren gewöhnt und könnten sich durch Training eine Resistenz gegen Simulator Sickness angeeignet haben, was natürlich auch für die Spieler gelten kann. So läßt sich abschätzen, daß für erfahrene Spieler ähnliche Zahlen gelten. Es ist aber anzunehmen, das ein größerer Anteil an Gelegenheitsspieler unter Gaming Sickness leiden.
Es bleiben einem Gelegenheitsspieler wie mir also zwei Alternativen: Das regelmässige Ausreizen der eigenen Grenzen, den Eimer stets neben mir stehend habend, um mir die erwähnte Resistenz gegen Simulator respektive Gaming Sickness anzueignen, oder der schlichte Verzicht auf 3D-Ego-Shooter. Ich denke, ich kann mit letzterem gut leben und drehe meine Runden ab sofort nur noch in PS-starken Boliden auf der virtuellen Nordschleife. ;-)
Relevante Links:
Gaming Sickness
Are you sick of games?