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Gegenpropaganda

Defend the future!

Eine neue Initiative gegen die Legalisierung von Softwarepatenten auf europäischer Ebene hat das Licht der Welt erblickt. Unter Leitung von Florian Müller startete heute eine Informationskampagne zum umstrittenen Richtlinienentwurf des Rates der Europäischen Union, um auf nosoftwarepatents.com Lobbyarbeit im Zeichen der Patentkritiker zu machen. Finanziert wird das Projekt unter anderem von 1&1, Red Hat und MySQL. Ein erklärtes Ziel der bereits jetzt in zwölf Sprachen übersetzten Seite ist die allgemeinverständliche Aufbereitung der Thematik und Argumente von Seiten der Gegner eines umfassenden Monopolschutzes für “computerimplementierte Erfindungen”: “Ich kann nach vielen Politikergesprächen in den letzten Monaten sagen, dass noch viel Informationsbedarf bestehtzitiert heise Kampagnen-Manager Müller.

An deutlicher Sprache mangelt es den Seiten der Patentkritiker nicht. Eindringlich wird vor den oft gar nicht so unwahrscheinlichen Folgen einer faktischen Übernahme US-amerikanischer Softwarepatentideen gewarnt:

Europas Softwareindustrie wird skrupellosen Erpressern zum Opfer fallen. Ein Kartell von Großkonzernen wird kleinere Konkurrenten plattmachen. Als Folge davon werden wir alle mehr Geld für weniger gute und weniger sichere Software zahlen müssen. Sie persönlich, Ihr Haushalt, Ihre Firma, Ihre Regierung, jeder von uns. Sie werden es spätestens sehen, wenn Sie die Rechnung bekommen. Wenn jemand in Ihren Computer einbricht, Ihre E-mails liest und das Kennwort Ihres Bankkontos klaut. Wenn Ihr Computer täglich abstürzt. Wenn die Spam-Flut nicht mehr abreißt. Wenn die Preise steigen und Firmen zumachen müssen. Wenn Menschen ihren Arbeitsplatz verlieren.

Manchem werden solche Formulierungen zu weit gehen oder der Sache in dieser Aufmachung wenig dienlich erscheinen, andere werden eine plakative Sprache als notwendiges Gegenstück zur nicht selten ähnlich rigoros artikulierten Propaganda der Großlobbyisten begrüßen. In jedem Fall wird auf der Webpräsenz der Patentgegner vielen Argumenten der Befürworter einer Patentierung von Software der kurze Prozeß gemacht, oft argumentativ unterlegt mit Zitaten aus beabsichtigt unverdächtigen Quellen (eine kleine Auswahl):

“Ein zukünftiges Start-up mit keinen eigenen Patenten wird gezwungen sein, jeglichen Preis zu bezahlen, den die Branchenriesen ihm auferlegen wollen. Der Preis könnte hoch sein: Etablierte Unternehmen haben ein Interesse daran, künftige Konkurrenten auszuschließen.”
(Bill Gates (1991)
“Die Natur von Software ist, dass sie ein Schriftstück ist, ein Ausdruck mathematischer Ideen. Das Urheberrecht schützt diesen Ausdruck, und das tut es, ohne kostspielige und zeitraubende Verfahren zu erfordern”
(Douglas Brotz, Wissenschaftlicher Leiter, Adobe Systems (1994)
“Es spricht einiges dafür, dass Patente auf Software, die in USA gängige Praxis sind und in Europa vor ihrer Legalisierung stehen, in Wirklichkeit die Innovation einschränken. Europa könnte immer noch den Kurs wechseln.”
(Deutsche Bank Research)

Es bleibt zu hoffen, das ein in dieser Form zugespitzter Diskussionsbeitrag mit zu einem Umdenken auf euorpäischer Ebene führen wird. Anleitungen zum Lobbyismus in eigener Sache zumindest finden sich auf den Seiten von nosoftwarepatents.org ebenso wie eindringliche Beschreibungen drohender Risiken und Gefahren bei einer Legalisierung der Richtlinie des EU-Rates.

Siehe auch:

Bürogeschichten
Zulauf
Microsoft, Patente und Open Source
Deutsche Bank warnt vor Softwarepatenten
Der Klick zum Patent

Relevante Links:

nosoftwarepatents.org
Informationskampagne gegen Softwarepatente gestartet
Weitere Kampagne gegen Softwarepatente in der EU
Neue Kampagne gegen Softwarepatente gestartet

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Patente stoppen LiMux

“Die Entscheidung der Stadt München sollte alle Alarmsirenen in der Bundesregierung schrillen lassen. Das Bundesinnenministerium empfiehlt allen öffentlichen Verwaltungen den Umstieg auf Linux, und das Bundesjustizministerium macht das Ganze zu einer Fehlentscheidung, die Milliarden von Euro kosten kann”.

So kommentiert Florian Müller von MySQL die gestern bekanntgegebene Verschiebung des vielbeachteten LiMux Projektes der Münchener Stadtverwaltung. Nach einem Hinweis der Stadtratsfraktion der Grünen wurde nun die für Ende Juli geplante Ausschreibung des sogenannten “LiMux Base Client” auf unbestimmte Zeit verschoben. Nach ersten Recherchen steht dieses Herzstück der Migration auf das freie Betriebssystem Linux, welches auf den über 14.000 Rechnern der Mitarbeiter der Stadt München installiert werden soll, in Konflikt mit nicht weniger als 50 europäischen Softwarepatenten. Ein für die Stadt München nicht tragbares Risiko, könnte jedes einzelne Patent für sich den Ausfall der gesamten Stadtverwaltung bewirken. Entsprechend äußerte sich der oberste EDV Verantwortliche der Stadt, Wilhelm Hoegner, in einer E-Mail:

“Aufgrund der zu prüfenden Fragen wurde die eigentlich für Ende Juli geplante Ausschreibung des Limux-Basisclients gestoppt. Zunächst wird die Verwaltung die rechtlichen und finanziellen Risiken versuchen abzuschätzen, bevor das Verfahren weitergeht”.

Deutlicher kann man das Innovationshindernis Softwarepatente eigentlich nicht illustrieren. München ist ein Paradebeispiel dafür, wie ein von Großlobbyisten durchgedrücktes Patentwesen die öffentliche Hand und den Mittelstand in die Abhängigkeit der Eigner großer Portfolios manövrieren kann. Frau Zypries sollte Stellung beziehen: Will das Justizministerium die Interessen meist amerikanischer Großkonzerne vertreten, oder den deutschen Mittelstand stärken und Europa technologisch ein Stück weit unabhängiger machen?

Relevante Links:

Münchner Grüne sehen Linux-Migration durch Softwarepatente gefährdet
München legt Linux-Projekt wegen der Softwarepatente auf Eis
Münchner Linux-Projekt vorerst auf Eis gelegt

Nachtrag:

Von ersten Reaktionen auf den vorläufigen Stop des LiMux Projektes berichtet heise. Während manche Stimmen die Entscheidung des zuständigen Amts für Informations- und Datenverarbeitung der Stadt München für “albern” und wenig hilfreich für das ambitionierte Fortkommen der Linux Migration halten (so Jörg Tauss, forschungs- und medienpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion im Bundestag), bewerten andere die sich zuspitzende Situation im Sinne eines “Aufrüttelns” der Verantwortlichen im Justizministerium eher positiv:

“Es ist besser, wenn durch die Situation in München das Problem jetzt von mehr Leuten verstanden wird, denn noch kann man in der EU etwas dagegen tun.” (Florian Müller, MySQL)

Ein Mitarbeiter des LiMux Projektes betont: “Auf keinen Fall liegt das gesamte Projekt auf Eis”.

Quelle:

Münchner Aussetzung der Linux-Migration sorgt für Unruhe

Man darf gespannt sein, welchen Ausgang diese Geschichte am Ende nehmen wird. Es steckt zuviel Symbolkraft im Erfolg oder Scheitern des Münchener Großprojektes, als dass irgendeine Seite diesem Schauspiel ohne einen Versuch der Einflußnahme zuschauen würde.

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