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Tod auf Raten

SGI O2 & SGI Indigo² IMPACT 10000

Die Revolution frisst ihre Väter. Was lange abzusehen war, ist eingetreten: SGI stellt zum Jahresende die Produktion der auf MIPS-Prozessoren basierenden Server und Workstations ein - und läutet damit zeitgleich die Todesglocken für das hauseigene UNIX-Derivat IRIX. Die Presseerklärung dazu gibt’s hier, das Presseecho hier, hier und hier. Auch die Blogosphäre bleibt nicht ungerührt.

Noch gegen Ende des letzten Jahrtausends standen Rechner von SGI synonym für die obere Spitze dessen, was an Computergrafik auf diesem Planeten zu erstehen war - fast möchte ich wetten, das ein jeder meiner geschätzten Leser zumindest einen auf SGI-Computern entworfenen oder gerenderten Animationsfilm gesehen hat. Potente Workstations und durchsatzstarke Server allerdings setzten auch preislich Maßstäbe, und so brachte die immer stärker werdende Konkurrenz aus dem x86-Lager mit Ati und Nvidia nicht nur in Sachen Hardware, sondern vor allem mit Linux auch wegen der immer leistungsfähigeren und frei verfügbaren Betriebssysteme die Firma aus Mountain View unter immensen Druck. Mittlerweile sucht man dort die Rettung in großen Serverlinien, verbaut Prozessoren von Intel und setzt - wie sollte es anders sein - auf freilaufende Pinguine. Ein schrecklicher Todeskampf auf Raten. Wir danken für OpenGL, XFS und Kernelpatches für’s Enterprise Computing.

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Eine gewonnene Schlacht

Man kann bekanntlich nicht alles haben, und so war die heutige Ablehnung der “Richtlinie über die Patentierbarkeit computerimplementierter Erfindungen” in Straßburg wohl mehr als von vielen Anfangs erwartet, sicherlich aber auch weniger als von manchem erhofft. Nachdem die Vertreter der Großkonzerne ihre hässliche Fratze in einem ungewohnt massiven Kampf der Eigeninteressen gezeigt hatten, ging die voerst wohl letzte Runde eines weiteren, demokratischen Trauerspiels auf europäischer Ebene dank des unermüdlichen Einsatzes vieler im Kontext freiheitlich denkender Akteure mit einem vorläufigen Unentschieden zu Ende. Einer Industrie, die sonst nicht müde wird, selbstregulierende Marktkräfte zu beschwören, wurde der Schutz eigener Monopole durch ein staatlich garantiertes Total Trivialpatent nicht gewährt. Um mit Viviane Forrester zu sprechen: Der Primat der Bilanzen wurde dieses Mal nicht zum universellen Gesetz.

Die große Erleichterung über die Abwehr des größtmöglichen Übels sollte dennoch nicht darüber hinweg täuschen, dass das Thema noch nicht vom Tisch ist. Nach wie vor existiert die umstrittene Patentvergabepraxis des europäischen Patentamts, seit dem heutigen Tag allerdings in einem etwas luftleereren Raum. Zu denken sollte auch die plötzliche Unterstüzung der Ablehung der Ratsrichtlinie durch die eigentlichen Verfechter der weitergehenden Patentierbarkeit von Software computerimplementierten Erfindungen geben: die Türen werden offengelassen. Der mehrmals gemässigte Vorschlag des französischen Ex-Premiers Michel Rocard sollte mit allen Mitteln und in jedem Fall verhindert werden.

Bedenkt man, welcherlei Menschen über derart wichtige Sachfragen abzustimmen haben, möchte man verzweifelt die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. So zitiert heise online im heutigen Artikel zur “Beerdigung” der Softwarepatentrichtlinie den CDU-Abgeordneten Werner Langen:

Der CDU-Abgeordnete Werner Langen [...] beschimpfte Softwarepatentgegner als “Handlanger” asiatischer und amerikanischer Wirtschaftsinteressen.

Heise selbst, wohl nicht ganz ohne jede berechtigte Süffisanz, führt dazu weiter aus:

Zu den stärksten Befürwortern der Ratslinie hatten aber Konzerne wie die Business Software Alliance (BSA) gehört, die US-Größen wie IBM, Intel oder Microsoft vertritt und seit längerem beim Schutz “geistigen Eigentums” an einem Import des US-amerikanischen Rechtssystems in der EU arbeitet.

Der Nuhr’sche Imperativ würde wohl in vielen Parlamenten dieser Welt für Grabesstille sorgen.

Relevante Links:

EU-Parlament beerdigt Softwarepatentrichtlinie
Softwarepatente: Besser keine Richtlinie als eine schlechte
Softwarepatente: Industrielobbying mit gezinkten Karten?
Artikelübersicht: Der Streit um Softwarepatente in Europa
Softwarepatente? Abgelehnt!
Europaparlament stimmt gegen Software-Patente
Richtlinie zu Softwarepatenten vom Tisch

Echo Chamber:

Softwarepatente? Abgelehnt!
Strike!

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