/* basquiat's lovely winter riot */: a unique and beautiful snowflake in your heart's lovely winter riot

Second Life

Hin und wieder habe ich - in eher größeren bis sehr großen Abständen - den sagenumwobenen Überhype Second Life (Second Life auf Wikipedia) selbst rudimentärst kurzevaluieren können. Große Begeisterung löst ohne jede Frage vor allem die wiedererlangte Haarfülle aus, die gekonnt meine im ersten Leben testosteroninduziert modellierte Restfrisur kontrastiert. Das hingebungsvolle doch transpirationsarme Gestalten des eigenen Waschbrettbauchs samt zwanghaft stilsicherer Kleiderwahl hingegen spricht die betont feminine Seite im Manne zum vervollkommnenden Ausgleich an.

Nun denn und sei es drum, mein virtuelles Auge konnte bisher vor allem viele malerische Inseln und verlassene Strände erblicken, wunderbare Prachtbauten und mondäne Behausungen, umgeben von einer bunten und abwechslungsreichen Flora, meist menschenleer, doch mit viel Liebe zum Detail. Das rare Treffen mitbewohnender Avatare abseits der großen Anfängerinseln jedoch ist nicht selten mit der eineindeutingen Wahrnehmung leicht un- und überproportionierter Megagenitalien verbunden - der Phallus Dei allerorten, chwasi.

Es stellt sich mir also die ersatzlebenstechnisch schon existentielle Frage, ob interessante Plätze im unterbevölkerten Second Life auch Gelegenheitsbesuchern offen stehen, oder das erste dem zweiten Leben zur Gänze zu opfern ist, um Zeit für ein näheres Kennenlernen aufbringen zu können. Mein reales Ego hat sich bisher vor allem verlaufend gelangweilt und eine überbordend nervtötende Kommerzialisierung erlebt, die an einen visuellen Rundgang durch meine diversen SPAM-Folder in dritter Dimension gemahnt - auch wenn das Konzept durchaus seine Reize hat. Kleine Businesskasper jedoch verachte ich auch im realen Leben schon ausreichend, virtuelle Millionäre my Ass.

Nachtrag: Das passt dann ja. Oh man.

Und noch ein Nachtrag:

Ein Spezialist für Online-Marketing sagte der LAT [Los Angeles Times], die am häufigsten in Second Life gehandelten Güter seien Genitalien, mit denen die Second-Life-Bürger ihre Avatare ausstatten. [...] Abgesehen von einer gewissen Fixierung der Bewohner auf das Geschlechtliche sei aus Marketingsicht das eigentliche Problem die mangelnde Masse, schreibt die Zeitung weiter. Von den nach Angaben des Betreibers Linden Lab über 8,1 Millionen Bewohnern seien zu Stoßzeiten maximal 40.000 gleichzeitig online, erklärte ein Analyst von Forrester Research.

Via Heise: Begeisterung der Unternehmen für Second Life lässt nach

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Contentdiebe

Zeilenschmarotzer waren ab und an auch Thema dieser Veranstaltung, doch der Vandalismus der Netzasozialen nimmt neue Formen an. Herrlich!

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Reloaded: The Internet is for Porn

Via Thilo, der auf Arbeit (wie immer!) nichts besseres zu tun hat... :-)

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Web 2.0: The Machine is Us

Die Entwicklung des World Wide Webs von Yahoos Rudimentär-HTML der späten 90er Jahre bis hin zu offenen Webservice-APIs des Zeitalters zweiter Generation - das Netz und die Art, wie wir es nutzen hat sich verändert. Ein Zeitraffer mit offenen Fragen. We’ll need to rethink a few things.

Via Netzpolitik.org.

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Von Kreisen und Sphären

Die Diskussion um fiese, kleine Contentdiebe zieht mittlerweile merkwürdige Kreise. Ein jeder, ob bloggend oder nicht, fühlt sich berufen, in mehr oder weniger reflektierten Kommentaren seine Meinung kund zu tun - das ist legitim, aber leider selten fundiert. Zwischen unterschiedlichen Wahrnehmungen und den daraus resultierenden Gewohnheiten werden künstliche Gemarkungslinien gezogen, die bloggende Altväter und augebeutete Ausbeuter durch dauererodierende Gräben zu trennen scheinen. Eine Geschichte voller Mißverständnisse.

Schon lange vor der Entstehung der neuzeitlichen Blogosphäre existierten soziale Strukturen im Netz, die trotz ihres losen Zusammenhalts eine Art Netzkultur definierten. Diese Kultur wurde, oft gegen allerhand Widerstände, regelmäßig neu positioniert, die selbst auferlegten, geschriebenen und ungeschriebenen Gesetze passten sich dem Lauf der Dinge an oder verschwanden ganz. Die Blütezeiten des Usenet, der großen und kleinen Mailbox-Systeme und späteren Mailinglisten wechselten sich gegenseitig ab, allesamt waren es Medien mit jeweils ureigenen Regeln und Traditionen. Rhetorisch geschliffene Flamewars und stilloses Gepöbel, es zielgruppte auf fast jeden Geisteszustand. Menschen wussten sich verbal anzufassen, auszuteilen und einzustecken, waren sich der Gepflogenheiten bewußt und kamen ohne Hausjustiziar selbst mit gelegentlichen Tiefschlägen klar. Damals war alles besser.

Von vielen erst und immernoch als neumodische, vor Medienbrüchen nur so strotzende Hyperfluidität abgetan, erlangten Weblogs in einem mittlerweile durch und durch durchkommerzialisierten Netz in Windeseile erhebliche Aufmerksamkeit. Alte Hasen konvertierten und konnten einen reichhaltigen Fundus miterlebter und mitgestalteter Netzgeschichte aufbieten, neue Gesichter bereicherten oder schockierten durch neue Blickwinkel. Das Internet erlebte nicht den ersten Clash Of Cultures, doch immernoch lassen sich viele Verständnisprobleme auf die unterschiedliche Netzsozialisation ihrer Akteure zurück führen.

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Bekennerschreiben

Dem Rechtsanwalt Udo Vetter sind öffentlich zugängliche RSS-Aggregatoren, sogenannte “Planeten”, ein Dorn im Auge. Trat der Macher des Law Blogs für mich bisher als positives Beispiel eines offenbar nicht ganz zu unrecht mit Vorurteilen vorverurteilten Berufsstandes in Erscheinung, so sehe ich mich nun als Betreiber eines eben solchen Aggregators der parasitären Spezies der Blogdiebe zugerechnet, einer Spezies, der man mit Vorliebe durch Briefpost, die so “richtig Geld” kostet, zu Leibe zu rücken scheint.

Bisher habe ich Planeten nicht als Brutstätten geistigen Diebstahls wahrgenommen. Die meisten mir bekannten Vetreter dieser Gattung machen sich mitnichten fremde Inhalte zu eigen, sie weisen im Gegenteil klar Quellen und Herkunft der gelisteten Beiträge aus, verlinken diese in der Regel mehrfach und sind offensichtlich als Zusammenfassung externer Artikel zu verorten. Planeten sind ein vitaler Teil der Blogosphäre, die trotz aller Heterogenität von der gemeinsamen Vernetzung und Kategorisierung von Inhalten lebt. Auch wenn der geäußerte Wunsch auf Exkludierung eigener Inhalte zu respektieren ist, so erscheint das Selbstverständnis des selbstempfundenen Beklauten ein merkwürdiges zu sein, stellt das regelmäßige Interesse der aufgebotenen Referenzen doch vor allem eine Anerkennung der eigenen Schreibe dar. Nicht wenige Blogs finden so immer wieder neue Leser, denen sich gerade auf öffentlichen Aggregationsplätzen reichlich Gelegenheit zum neugierigen Weiterhangeln bietet.

Wie die meisten privat betriebenen Planeten ist planet basquiat nicht Selbstzweck, sondern zweierlei: Nonkommerziell und Nebensache, dabei für mich die äußerst komfortable Möglichkeit, in meinen favorisierten Blogs von beliebigen Rechnern und Standorten aus jederzeit stundenaktuell nach Lust und Laune zu stöbern, ohne die zigfach verteilte Masse an Informationen mit Klimmzügen bewältigen zu müssen. Der im Raum stehende Vorwurf der Eigenwerbung durch Instrumentalisierung fremder Inhalte wirkt schon bei einem Blick auf die Regelmäßigkeit hier erscheinender Beiträge absurd, denn Bloggen ist zumindest hier noch so ursprünglich, wie es vielleicht einmal war: Ein Hobby ohne kommerzielle Interessen oder Wettkampfabsichten. In meiner laienhaften Naivität kann zumindest ich mich so eher darüber freuen, wenn mein Blog das offensichtliche Interesse eines aggregierenden Netznachbarn geweckt hat, dessen Einbeziehung meiner Inhalte für mich eher Lob denn Diebstahl, wenn nicht sogar ein klein wenig Werbung ist.

Herrn Vetter habe ich aufgrund seiner geäußerten Einstellung zu Planeten selbstverständlich von meiner Liste zu aggregierender Blogs genommen, nicht ohne Enttäuschung. Im diesem Zuge werde ich zeitnah alle weiteren, auf planet basquiat gelisteten Blogs anschreiben, um einem etwaigen Wunsch auf Herausnahme aus meinem Planeten nachkommen zu können.

Dem Macher des Law Blogs danke ich für einige sehr gelungene Artikel. Es hat Spass gemacht, sie zu lesen.

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Diversifikation

Eigentlich wollte ich nur einen Kommentar zum Kommentar im Köhntoppschen Blog schreiben und meine Sicht der Dinge zu Kais Trackback wiedergeben. Der Tenor: Kann (oder will) die Blogosphäre Ersatz für ein (sterbendes oder nicht sterbendes) Usenet sein? Sind ewige Redundanz und damit einhergehende Ermüdungserscheinungen der Dorfältesten nicht einfach der Lauf der Dinge, mit denen sich jedes offene Diskussionmedium früher oder später konfrontiert sieht?

Es wird wohl eher zu einem Nebeneinander denn zu einem Gegeneinander kommen, zu Menschen, die sich verschiedener Diskussions- oder Publikationskanäle bedienen und zu Menschen, die aus Prinzip und selbstgewonnener Erfahrung nur das eine oder andere Medium zu nutzen und zu schätzen wissen. Das Usenet, Mailinglisten, Blogs: Alle haben ihre Vor- und Nachteile, die Probleme allerdings sind nicht immer deckungsgleich.

Blogs sind, bei aller Theorie, nicht äquivalent zum Usenet - sie können und wollen auch nicht das Gleiche leisten. Der dezentrale Ansatz birgt den Vorteil, den eigenen Vorgarten sauber halten zu können, und bringt so durchaus manchesmal Artikelsammlungen von erstaunlicher Qualität zum Vorschein. Durch die willentliche Vernetzung untereinander entstehen Pfade, die Einladen und damit auch Ausgrenzen, ein Qualitätsmanagement ganz eigener Art. Das Problem der einzeln verlinkten Inseln wird mit immer brauchbareren Akregatoren und RSS-Feeds kleiner, den ursprünglichen Komfort einer (wenn auch nicht physisch) zentralen und (gemeint) strikt themenorientierten Lösung wie der des Usenets aber können auch diese Programme nicht bieten.

Der Beißreflex manches Urgesteins zum Thema Blogs allerdings zeigt nur, mit welchen Problemen man es im Usenet wirklich zu tun hat. Spammer und vereinzelte Trolle sind handhabbar, Starrsinn ist es nicht. Da wird jeder Medienbruch zur Katastrophe, das Trafficproblem überlanger Signaturen in zweihundert ausschweifenden Beiträgen jedesmal auf’s neue erörtert. Die quälend unerträgliche Realnamediskussion hat mich so von einem Befürworter in der Sache zu einem (stillen) Gegner der Apologeten werden lassen.

Natürlich liest sich das deutschsprachige Usenet formal vergleichsweise angenehm, das Einhalten gewisser Mindeststandards sollte jedem Kommunikationsteilnehmer nicht nur dort Anliegen aus eigenem Interesse sein. Gleichzeitig ist das Klima vielerorts vergiftet - neben den immernoch zahlreichen, wertvollen Beiträgen scheint es ein ganzes Heer an selbsternannten Nutznetzpädagogen der ältesten, urpreussischen Schule zu geben, die oft nur auf das nächste Opfer warten. Usenet kann Spass machen, der Aufwand zur Filterung allerdings wird immer größer (und damit sicherlich immer seltener frei von Kollateralschäden). Usenet ist ein offenes Medium, und das ist eigentlich auch gut so. Besitzstandsdenken führt im gemeinschaftlichen Raum jedoch unweigerlich in die Irre, das Herausekeln unerwünschter Personen verdirbt am Ende allen die Atmosphäre. Es ist die Entdeckung des eigenen Lieblingsclubs durch die doppeldeutig breite Masse, das Avancieren vom Geheimtip zum überlaufenen Szenetreff. Eine Türsteherpolitik aber kann es im Usenet nicht geben - auf Mailinglisten dagegen durchaus, dort - wie könnte es anders sein - nicht selten wiederum Anlass zu neuen Problemen und neuem Diskussionsstoff.

Menschlich verständlich: Immer und immer wieder auf Gleiches hinzuweisen, das kostet Geduld, und je lernresistenter die hereinströmenden Neuankömmlinge, desto wahrscheinlicher der Umschwung vom Oberlehrerhaften ins Persönliche. Das Usenet ist nicht tot, es liegt auch nicht in hinsiechender Agonie. Die Gegend hat sich verändert, es streifen mehr Fremde durch’s Dorf. Auch wenn das eigentlich dem Genpool zum Vorteil gereichen sollte: Man traut sich nur noch im Asbestanzug mit Scheuklappen auf die Strasse. Klar, dass sich manch einer darin zu albern vorkommt.

Sonstiges:

Der Stein des Anstosses

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Der Stein des Anstosses

Für mich reichlich unerwartet schlug heute eine Mail von news.individual.net in meinem Postfach auf, in der die Einstellung des allgemein kostenfreien Zugangs zum Newsserver der Freien Universität Berlin verkündet wurde. Ab dem 01.04.2005 wird der Zugang zum Usenet über die Berliner Bildungsstätte 10 Euro pro Jahr, also mithin 0,84 Euro pro Monat, kosten. Ein eigentlich mehr als fairer Preis.

Dennoch gibt dieser für die Berliner Betreiber offenbar notwendig gewordene Schritt Anlass und Zeit zum Nachdenken. Es steht ausser Frage, dass die Arbeit der Administatoren an der FU ihr Geld wert ist und auch schon in der Vergangenheit wert gewesen wäre. Das Problem ist anders gelagert: Das Medium selbst stellt sich in Frage. Ganz so weit wie Kristian Köhntopp, der in seinem Blog seinen Abschied aus dem Usenet bekannt gibt, möchte ich nicht gehen. Meine Beiträge dort beschränkten sich schon von jeher mehr auf das selektive Lurken denn auf eine nennenswerte Teilnahme an irgendeiner, wie auch immer gearteten, Community. Vielleicht kann ich gerade dieser Distanziertheit wegen weniger nostalgisch auf die Entwicklung des Usenets der letzten Jahre zurück blicken. Jahre, in denen es nicht gelang, die nachwachsenden Nestbeschmutzer Netzbenutzer in gewachsene Strukturen zu integrieren. Der sinnbildliche September lässt grüßen. Fronten verhärteten, Traditionen wurden zum Selbstzweck. Wenn Altersstarrsinn auf spätpubertäres Revoluzzertum trifft, kommt meist wenig mehr als der tausendste Endlosthread zum immer gleichen Thema zig Mal wiedergekäut hinten raus. Ohne das Scoring mit der Axt ist die Signal-To-Noise-Ratio kaum noch in ertäglichen Maßen zu halten, viele Gruppen erinnern mehr an einen Kampf hoffnungslos übersteigerter Egos denn an eine Kommunikation unter Gleichgesinnten.

Manche Gruppen werde ich ungeachtet all dieser Einschränkungen hin und wieder weiter verfolgen, gut gefiltert und mit einem wachen Auge auf die vielen Schreiberlinge dort, von denen ich lesend lernen durfte. Ob mir das einen kostenpflichtigen Zugang wert ist? Eine Frage, die sich so kaum stellt, ist die Bezahlung des moderaten Nutzungsentgeldes doch offensichtlich nur über Firstgate möglich. Wider jede Heuchelei: Auch bei Verfügbarkeit von mir bevorzugter Zahlungsmethoden denke ich nicht, für die aus eigenem Antrieb heraus sehr eingeschränkte Nutzung dieses Dienstes Geld investieren zu wollen - hier tut es für seltenere Besuche auch der Server des eigenen Providers. Trotzdem gilt mein Dank und mein Respekt der Arbeit der Berliner Newsgarde, die nicht Grund, aber Stein des Anstosses waren, an dieser Stelle über bisher Unreflektiertes nachzudenken.

Ein weiterer, wie üblich interessanter Ansatz kommt von Kai: Es geht ihm ebenfalls kaum um die jährlichen 10 Euro, vielmehr stellt er die Frage in den Raum, warum unter Zwang eingetriebene GEZ Gebühren für nie nachgefragte Webauftritte der Öffentlich-Rechtlichen und Millionen für “mieserable Portale” wie das unserer Arbeitsagentur zur Verfügung stehen, ein providerunabhängiger Usenetzugang zur demokratischen Meinungs- und Willensbildung aber offenbar keiner Subvention würdig ist.

Weitere Diskussionen darüber finden ausser in der Blogosphäre - wenig verwunderlich - auch im Usenet statt. Man beschäftigt sich eben allerorten am liebsten mit sich selbst. ;-)

Nachtrag:

Ja, auch ich finde Forensysteme als Kommunikationsplattform grausam und denkbar ungeeignet. Am heimeligsten fühle ich mich derzeit in diversen Mailinglisten, die nicht immer frei von einer ähnlichen Symptomatik sind, im Krankheitsverlauf aber oft sehr viel schneller regenerieren. Konzeptuell könnte das Usenet überzeugen - nur eben ohne Menschen. Ein fehlgeschlagenes Experiment?

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Geeignetes Vokabular

Kristian will ein paar ideologische Steine ins Rollen bringen und beschreibt sehr anschaulich und gekonnt, warum Dienste wie IzyNews von der Community nur mit begrenzter Begeisterung aufgenommen werden. Neu und passend sind in diesem Kontext die Begriffe der “kooperativen” und “kompetitiven” Wertschöpfung, “um den Bereich freie Software, Open Source, Creative Commons, Free Documentation License und dergleichen mehr von dem Bereich der kommerziellen Verwertung von Software, Texten, Musik, Filmen und anderem Intellectual Property abzugrenzen”.

Vereinfachend skizziert Kristian, warum auch die kooperative Sphäre ihre Allmende mit kompetitiven Spielregeln zu verteidigen weiss. Das dabei ein wenig schwarz-weiss gemalt wird, soll nicht unterschlagen werden. Selbst die Akteure des kooperativen Universums scheinen in ihrer Wahrnehmung allzu oft durch die Marketingmechanismen der kompetitiven Player gestört zu sein - eine Inkonsequenz, die nicht jeder mittragen will.

Natürlich gibt es mehr Mittelwege und Kooperationsmöglichkeiten, als es Kristians Artikel nahelegen mag. Dennoch ist die klare Linienziehung notwendig, um prinzipbedingte Probleme aus der Mannigfaltigkeit bestehender Nebenkriegsschauplätze herauszukristallisieren und eine geeignete, bisher kaum stattfindende Diskussion auf gesellschaftlicher und politischer Ebene zu ermöglichen. Das passende Vokabular wird dabei gleich mitgeliefert.

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Staatlich verordnetes Wegschauen

Alvar Freude dürfte vielen interessierten Netzbürgern seit geraumer Zeit ein Begriff sein, hat der Aktivist doch durch Projekte wie insert_coin und seinem wohl bekanntesten Projekt, dem Assoziations-Blaster, medienübergreifende Aufmerksamkeit erreicht und verschiedene Auszeichnungen und Nominierungen erlangen können.

Ein Leitmotiv der Arbeiten Freudes ist die Auseinandersetzung mit Informations- bzw. Rezipientenfreiheit und Zensur in den neuen Medien, hier natürlich vornehmlich des Internets. In beeindruckender Offensichtlichkeit entlarvte Freude in diesem Zusammenhang die heuchlerisch anmutenden Kontrollversuche der nordrhein-westfälischen Bezirksregierung, die sich bar jeden Sachverstandes in blindem Aktionismus mit zumindest fragwürdiger Motivation übte.

Satirisch bereitete Freude das Thema Sperrungsverfügungen in seinem Projekt FreedomFone auf:

Endlich: FreedomFone (vormals: TeleTrust.info) bietet ungefilterte und authentische Informationen aus dem Internet. Direkt und Live am Telefon! Unter der Telefonnummer (01 90) 70 60 98 können Sie sich beliebige Inhalte aus dem Internet (WWW, Usenet, MUDs, IRC, ...) vorlesen lassen - für sagenhafte 1,24 € pro Minute! FreedomFone springt damit freudig in den von der Bezirksregierung Düsseldorf neu geschaffenen Markt für zensierte Informationen.

Einem nur mittelmässig vernunftbegabtem Menschen sollte angesichts dieser Vita sehr schnell auffallen, dass Freude ohne jeden Zweifel aufklären und zum Nachdenken anregen will, manchesmal eben auch mit Netzinstallationen von künstlerischem oder satirischem Wert.

Heute wurde Alvar Freude am Amtsgericht Stuttgart zu 120 Tagessätzen von je 25 Euro verurteilt, schuldig gesprochen der “Verbreitung von Propagandamitteln verfassungswidriger Organisationen (§ 86 StGB)” und “Volksverhetzung (§ 130 StGB)”. Der Richterspruch ist noch nicht rechtskräftig.

Grund der Beanstandungen der Staatsanwaltschaft waren zum einen die kommentierten(!) Verweise auf gesperrte Webseiten innerhalb der erwähnten Dokumentation zu den Sperrungsverfügungen der Düsseldorfer Bezirksregierung sowie das ebenfalls schon genannte FreedomFone Projekt: Hier wurden auszublendende Internetseiten per Telefon zu einem nicht ganz günstigen Tarif vorgelesen - kaum geeignet, um eine ernsthafte Alternative zum “verbotenen Surfen” zu etablieren. “Das Angebot richtete sich an alle Nutzer aus Ländern, in denen sich nur noch eingeschränkt surfen lasse, wie beispielsweise Nordrhein-Westfalen oder China”.

Man darf starke Zweifel an der Realitätswahrnehmung der betroffenen Richter und Staatsanwälte anbringen, wenn bei den Arbeiten Freudes in diesem Zusammenhang keine hinreichende Rechtfertigung durch staatsbürgerliche Aufklärung, Kunst oder auch Meinungs- und Informations(zugangs)freiheit erkannt wird. Irgendwelche Motivationen oder Intentionen möchte in dieser Entscheidung des Amtsgerichts mit Rücksicht auf den hohen, verschwörungstheoretischen Gehalt nicht weiter erörtern.

Zur Erinnerung:

§ 86 Verbreiten von Propagandamitteln verfassungswidriger Organisationen
(1) Wer [...] Propagandamittel, die nach ihrem Inhalt dazu bestimmt sind, Bestrebungen einer ehemaligen nationalsozialistischen Organisation fortzusetzen, im Inland verbreitet oder zur Verbreitung im Inland oder Ausland herstellt, vorrätig hält, einführt oder ausführt oder in Datenspeichern öffentlich zugänglich macht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.
(3) Absatz 1 gilt nicht, wenn das Propagandamittel oder die Handlung der staatsbürgerlichen Aufklärung, der Abwehr verfassungswidriger Bestrebungen, der Kunst oder der Wissenschaft, der Forschung oder der Lehre, der Berichterstattung über Vorgänge des Zeitgeschehens oder der Geschichte oder ähnlichen Zwecken dient.

[ StGB §86 ]

Inwiefern kritische Bürger nach einem solchen Urteil noch aktiv an einer von Argumenten und Fakten getragenen Meinungsbildung partizipieren können, verschliesst sich mir. Eine sachliche Auseinandersetzung erfordert immer auch Quellenkenntnisse bzw. das Wissen über den zu erörternden Gegenstand. Als vorgeblich freier Bürger in einem demokratischen Land beanspruche auch ich das Recht für mich, mir frei von staatlich verordneten Zensurmassnahmen ein treffendes Abbild der Realität verschaffen zu können, mit den wenigen Aussnahmen, die sich in diesem Kontext berechtigt anbringen lassen. Eine als harmlos betrachtete Informationen widerkäuende Staatshörigkeit macht eine Gesellschaft kein Stück freier oder friedfertiger, im Gegenteil. Wie gut das mit dem Wegschauen klappt, haben die letzten Landtagswahlen einmal mehr eindrucksvoll bewiesen.

Der Geist der Aufklärung in jedem Fall scheint nicht durch deutsche Richterstuben zu wehen.

Relevante Links:

Online-Demonstrations-Plattform
Alvar Freude in erster Instanz verurteilt
Volksverhetzung
Netzaktivist wegen Hyperlinks zu Geldstrafe verurteilt
Geldstrafe für Hyperlinks
Hyperlinks sind strafbar?

Censorship rests on the child’s delusion that “If I shut my eyes so I can’t see it, it isn’t there”.

Nachtrag:

Formeller Grund der Strafanzeige gegen Alvar Freude war nicht das Vorlesen “verbotener” Webseiten am Telefon, vielmehr beschränkten sich Richterin und Staatsanwaltschaft auf die Dokumentation zu den Düsseldorfer Sperrungsverfügungen und eine innerhalb des FreedomFone-Projekts generierte “Top 7” der angeblich in den letzen 24 Stunden am häufigsten vorgelesenen Websites.

Dort wurden dynamisch Verweise auf Angebote, “die irgendwer nicht mag, unabhängig davon, ob berechtigt oder nicht” (Freude), plaziert: Hyperlinks zu Seiten christlicher Fundamentalisten mit Anti-Schwulen-Kampagnen oder zu Websites von Schwulenorganisationen, jüdischen Organisationen, der CSU Homepage oder Al-Jazeera. Auch zwei von den Sperrungsverfügungen der Bezirksregierung in Düsseldorf betroffene, rechtsradikale Seiten tauchten in dieser “Top 7” zufallsgesteuert auf.

Die formal zu klärenden Fragen in Bezug auf §86 StGB waren also: Ist Freudes Dokumentation eine Dokumentation über das Zeitgeschehen, ist FreedomFone Satire, sind einfache Verweise ein Verbreiten oder Zugänglichmachen von Information? Wirklich nachvollziehbar bleiben auch vor diesem Hintergrund die Entscheidungen des Gerichts weiterhin nicht. Inwiefern hier irgendeine Volksverhetzung zu begründen war ist mir nach wie vor absolut schleierhaft.

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