Religion und Mystizismus gibt es seit Menschengedenken in allen Gesellschaften, ganz gleich ob diese (oberflächlich) aufgeklärt oder (scheinbar) um Jahrhunderte der Entwicklung anderer Gemeinschaften entrückt daherkommen. Die Suche nach einem leitenden Sinngehalt der eigenen Existenz ist ebenso so stark in einem jeden Individuum verwurzelt wie dessen Drängen nach einer ihn selbst erst manifestierenden Positionsbestimmung - in einer vollkommenen Leere geht ein jeder Geist orientierungslos zu Grunde. Als nicht-religiöser Mensch sucht man die Antworten auf quälende Fragen in Wissenschaft und Philosophie, will wissen, nicht glauben - und vertraut dennoch oft unwissend.
Als allenfalls dem Agnostizismus zugewandter Geist akzeptiere ich, dass Menschen Kraft und Hoffnung aus einer in meinen Augen oft kruden Metaphysik, Esoterik oder Religion schöpfen. Es wäre mehr als nur ignorant, all diese Gläubigen als dumm oder naiv abzutun, denn auch Religiosität kann viele Facetten haben. Erschaffen Menschen - angetrieben durch ihren Glauben - Großes, so haben sie meinen Respekt, enstehen die Dinge letzlich doch aus ihnen selbst heraus. Werden Lehren jedoch ohne jedes Hinterfragen kritiklos hingenommen, so ensteht ein fruchtbarer Boden für Ressentiments und Fanatismus, der die unheilvolle Metamorphose vom Individuum zum ferngesteuerten Zombie einleitet.
Mein Verständnis hört auf, wo Missionarseifer beginnt. Es findet seine Grenzen dort, wo in einer säkularisierten Welt das Private verbindlich ins Öffentliche getragen werden soll. Der Religionsunterricht an deutschen Schulen ist nur ein Beispiel von vielen, das aus genannten Gründen abzulehnen ist. Es ist kaum zu bestreiten, dass die großen Weltreligionen in weiten Teilen auf Ausgrenzung, der Intoleranz gegenüber Andersdenkenden und dem Anspruch, die einzig wahre Lehre zu vertreten, basieren. Gegenteilige Behauptungen sind nichts weiter als Lippenbekenntnisse, die in ihrer wirklichen Konsequenz viele der selbstaufgestellten Regeln einer jeden Religion fundamental konterkarieren würden. In einer aufgeklärten Welt taugen solche Überzeugungen kaum als öffentliche Leitkultur, und sie sind in keinem Fall dem Recht freier Menschen, ihre Meinung in friedlicher Form kund zu tun, überzuordnen. Der eigene Glauben ist eben das - Privatsache.
Die aufgeheizten Geschehnisse rund um die Veröffentlichung der in meinen Augen eher harmlosen und wenig einfallsreichen Karikaturen des Propheten Mohammeds in einem dänischen, angeblich dem rechtskonservativem Spektrum zuzuordnenden Blatt zeigen ein Spannungsfeld auf, dass in dieser Form zumindest in unseren Breitengraden nicht vermutet wurde. Ein Sturm der gewalttätigen Entrüstung macht sich breit, brennt Botschaften nieder und kostet mittlerweile erste Menschenleben. Aus Sorge oder Angst um die eigene Unversehrtheit (oder aber um schwindende Absätze in boykottierenden Regionen) knicken selbst die Politiker im sonst so liberalen Dänemark ein, werden weinerliche Entschuldigungen geheuchelt und die Schäfchen ins trockene gebracht. Sogar die sonst kaum islamfreundliche Bush-Administration spielt die Rolle des Verständnisvollen. Man kann es auch Deeskalationspolitik nennen.
“Der Klügere gibt nach! Eine traurige Wahrheit, sie begründet die Weltherrschaft der Dummheit.”
(Marie von Ebner-Eschenbach)
Auf dem Altar der alles relativieren könnenden Generaltoleranz geopfert bleibt die (nicht nur in diesem Zusammenhang) ständig wieder neu zu erkämpfende Meinungsfreiheit, die keinesfalls Feigenblatt für jede Missachtung menschlicher Würde oder die gezielte Erniedrigung ganzer Völker und Religionsgemeinschaften sein soll. Die Karikaturen, die aktuell Anlass zu ernsthaften Ausschreitungen in der islamischen Welt geben, waren jenes aber wohl kaum. Eine Diskussion, ob hier mit Fingerspitzengefühl vorgegangen wurde, ist im Anbetracht der Verantwortung, die auch und gerade unsere modernen Massenmedien tragen, vielleicht angebracht, dann aber eine ganz andere - und gewiß keine, die aufgrund der aktuellen Geschehnisse geführt werden sollte. Unterschiedliche Ansichten dazu steuern plasticthinking (mit umfangreicher Diskussion in den Kommentaren) und Tim bei.
Das Maß des gerade noch tragbaren ist mittlerweile selbst bei vielen überschritten, die sich sonst in gewohnt hoher Toleranz gegenüber “des Islams” üben, und schon die Anführungszeichen machen den Unsinn einer solchen Formulierung offensichtlich. Die Ausschreitungen aufgrund der durchaus zu vertretenden Veröffentlichung der Karikaturen in verschiedenen Medien sind kaum spontan, sondern scheinen vielmehr oft durch religiöse Führer forciert, wenn nicht gar organisiert zu sein. Es geht um Macht, nicht um beleidigte Egos oder irgendwelche unglücklichen Zeichnungen. Hier gleichen sich, bei aller Unterschiedlichkeit der gewählten Mittel, die aufeinanderprallenden Welten. Es fällt schwer, in der eigenen Resignation nicht alles über einen Kamm zu scheeren, doch gerade das Wissen um Nuancen und Unterschiede ist dieser Tage unabdingbar. Wer ganze Völker nur als homogene Massen sieht, der hat den ersten Schritt in die Vergangenheit bereits getan.
Der zunehmend häßlichen Fratze eines fanatischen Islams ist mit absoluter Entschiedenheit entgegenzutreten. Es ist nicht zu tolerieren, wenn den gezielten Drohungen und Hasstiraden aus der Ecke volksaufwiegelnder Gesinnungsfürsten auch nur ein Bruchteil unserer freiheitlichen Errungenschaften geopfert wird, weder aus Angst vor dem drohenden Jihad, noch wegen der irrigen Überzeugung mancher Innenpolitiker, Freiheit liesse sich durch deren Aufgabe verteidigen. Auch unsere Außenpolitik ist mit einer ihrer größten Herausforderungen konfrontiert: in der schwierigen Aufgabe abzuwägen, wann Dialog und Kooperation mehr Erfolg als Gewalt oder zumindest deren Androhung versprechen. Die Grenzen sind fließend, und manche sollten besser nicht überschritten werden. Einen Kampf der Kulturen können nur beide Seiten verlieren.
Den Moslems, die einen interkulturellen Diskurs dem blinden Hass vorziehen, die Leserbriefe über Briefbomben und friedliche Demonstrationen über den heiligen Krieg stellen, diesen Moslems ist die Hand zu reichen. Eine Ausgrenzung bewirkte noch immer das Gegenteil dessen, was erstrebenswert war. Das Differenzieren fällt dieser Tage schwer, und manch voreingenommene Verallgemeinerung geht im Hintergrund der aktuellen Ereignisse allzu leicht über die Lippen. Ein konzentrierter “Aufstand der Anständigen”, die für einen friedlichen Islam in Koexistenz mit anderen Religionen Massen mobilisiert, könnte weltweit eventuell manches in ein besseres Licht rücken. Diesen Aufstand allerdings vermisse ich bis heute.